Manipulation beim ADAC : Angst vor dem Totalschaden

Der ADAC muss nach dem Manipulationsskandal beim „Gelben Engel“ auch um die Glaubwürdigkeit seiner Tests fürchten.

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Ramponiertes Image. Im ADAC-Technikzentrum in Landsberg am Lech wurde sauber gearbeitet, sagen Beobachter. Doch die Testergebnisse wanderten vor der Veröffentlichung ins Büro des Kommunikationschefs und wurden dort „interpretiert“.
Ramponiertes Image. Im ADAC-Technikzentrum in Landsberg am Lech wurde sauber gearbeitet, sagen Beobachter. Doch die Testergebnisse...Foto: dpa

Im Büro des Kommunikationsdirektors lief alles zusammen. Und wenn es schlecht lief, brach ein bayerisches Donnerwetter los. Michael Ramstetter – 15 Jahre lang PR-Sprachrohr des ADAC, Chefredakteur der auflagenstärksten Zeitschrift Europas, „Motorwelt“, herrschte wie ein König. Keine Überschrift, keine Bildunterzeile in der „Motorwelt“ (Auflage: 13,8 Millionen), die Ramstetter nicht persönlich abgesegnet habe, wie Mitarbeiter im Gespräch mit dem Tagesspiegel berichten. „Es kam immer wieder zu Schreianfällen in der Redaktion, wenn das Heft in Druck gegangen war“, sagt ein Redakteur. In den Konferenzen habe der als Choleriker gefürchtete Chefredakteur die Themen verteilt, aber auch die Tendenz der Artikel vorgegeben. Redaktionelle Freiheit? Fehlanzeige. Das habe sogar im Arbeitsvertrag gestanden, sagt der Redakteur, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Das Reich von Michael Ramstetter ist am vergangenen Wochenende zusammengebrochen. Der König musste abdanken – und hinterlässt einen Skandal, der für den ADAC extrem image- und geschäftsschädigend ist. Die kriminelle Energie, mit der Ramstetter die Abstimmungen zum Preis für das vermeintlich beliebteste Auto der Deutschen („Gelber Engel“) manipulierte, gepaart mit seinem selbstherrlichen Auftreten, wecken nun den Verdacht, dass noch mehr im Argen liegt beim größten Verein Europas mit seinen fast 19 Millionen zahlenden Mitgliedern. Kämen noch mehr Tricks und Mauscheleien ans Tageslicht, würde es wohl auch für Geschäftsführung und Präsidium des ADAC ungemütlich.

Bei anderen Test sei nicht geschummelt worden

Nach dem Rücktritt Ramstetters rückt die Führung trotzig zusammen. Nachdem am Montag ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair einen Rücktritt abgelehnt hatte, wies auch Präsident Peter Meyer entsprechende Forderungen am Dienstag zurück. Wenn der Wind von vorn komme, „muss man das auch mal aushalten können“, sagte Meyer der „Bild“-Zeitung. Er sei ein „Garant für die Aufklärung in der Sache“. Der ADAC-Präsident warnte davor, die Glaubwürdigkeit des gesamten Autoclubs infrage zu stellen.

Er schloss aus, dass bei den Ergebnissen anderer Tests – beispielsweise von Autobahnraststätten oder Kindersitzen – geschummelt wurde. Neben dem Pannendienst und der Luftrettung sind es besonders die Tests und Untersuchungen des Autoclubs, aus denen sich die Glaubwürdigkeit des ADAC und seine mutmaßliche Objektivität ableiten ließen. „Unsere Technik- und Verbraucherschutztests werden nach festgelegten, stets nachprüfbaren Kriterien durchgeführt“, sagte Peter Meyer. „Teilweise sind Zertifizierungsunternehmen an diesen Tests beteiligt; insofern ist eine Manipulation dort ausgeschlossen.“

Doch die Zweifel an der Unfehlbarkeit des ADAC wachsen auch hier – und das liegt an Michael Ramstetter. Die Testergebnisse, die aus dem ADAC-Technikzentrum in Landsberg am Lech kamen, seien zunächst in Ramstetters Büro gewandert und dort „interpretiert“ worden, berichten Mitarbeiter. Die Ingenieure hätten bei den Tests zwar sauber und akribisch gearbeitet, wie Vertreter von Auto-Importeuren bestätigen, deren Modelle beim „Goldenen Engel“ meist leer ausgingen. Fraglich scheint eher, was die Kommunikationsabteilung und ihr Chef aus den Testergebnissen gemacht haben. Von Fälschung will derzeit niemand sprechen – aber von selektiver Veröffentlichung in der „Motorwelt“.

ADAC- Führung will nichts gewusst haben? Unglaubwürdig

Das stets gute Abschneiden deutscher Autos von Volkswagen, Daimler oder BMW wird in der Branche entspannt hingenommen – auch bei den Importeuren. In anderen Ländern gebe es ähnliche Preisverleihungen, bei denen einheimische Autohersteller bevorzugt würden, heißt es. Doch der ADAC trieb es beim „Gelben Engel“ offenbar besonders weit im Sinne der deutschen Autoindustrie. Bei den Trophäen anderer Fachzeitschriften gebe es zumindest die eine oder andere Testkategorie, bei der auch ein Importeur die Nase vorne haben könne, wird kritisiert.

Die Manipulationen des ADAC schrecken indes auch die deutschen Autokonzerne ab. Als Reaktion auf den Skandal um die gefälschten Zahlen beim „Gelben Engel“ will Volkswagen vorerst auf Werbung mit der Auszeichnung verzichten. Man erwarte eine lückenlose Aufklärung innerhalb des ADAC, sagte ein Sprecher am Dienstag. Bis dahin gelte: „Wir werden nicht mit dem ,Gelben Engel’ werben.“ Auch Daimler geht auf Distanz: „Wir erwarten, dass der ADAC den Sachverhalt im eigenen Interesse umfassend aufklärt und dann die Öffentlichkeit darüber informiert.“

Derweil gerät der Club auch intern unter Druck. Dass niemand in der ADAC- Führung von den Machenschaften des Kommunikationschefs wusste, mag kaum jemand glauben. Und sollte die Kontrolle nur versagt haben, hat der ADAC ein Aufsichtsproblem. „Am Wochenende gab es mit allen Mitarbeitern Einzelgespräche“, berichten ADAC-Beschäftigte. „Da hat man den Verräter gesucht.“ Schlecht ist die Stimmung in den Regionalverbänden des ADAC. In Berlin-Brandenburg ist man über die Vorfälle in München irritiert und enttäuscht. Offiziell äußert sich niemand. Aber hinter vorgehaltener Hand wird man deutlich: Die gute „Basisarbeit“, die man in den vergangenen Jahrzehnten beim ADAC geleistet habe, sei in Gefahr, heißt es aus dem Vorstand.

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