Wirtschaft : Mann des Vertrauens

Der Berliner Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch geht in den Ruhestand

Alfons Frese

Berlin - Volkmar Strauch ist bescheiden. „An ein paar Stellen behördliche Hindernisse aus dem Weg geräumt“, sagt er auf die Frage, was er denn nun bezweckt habe in den vergangenen Jahren. Sechs Jahre hat der Jurist als Wirtschaftsstaatssekretär den PDS-Senatoren Gregor Gysi und Harald Wolf gedient. Heute, am 28. Dezember, ist er das letzte Mal im Büro, am 1. Januar wird Strauch 65. Sport und Ehrenämter werden dann den Alltag des Ruheständlers prägen, der früher einmal ein passabler Mittelstreckenläufer war.

„Strauch war der Vertrauensanker der Wirtschaft im rot-roten Senat“, sagt Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK, über den ehemaligen Kollegen. Denn bevor der Sozialdemokrat in die Politik ging, war er 14 Jahre Abteilungsleiter bei der Kammer. „Konzeptionell ganz stark“, sagt Eder über Strauchs Fähigkeiten. Er habe es allerdings mit einer Verwaltung zu tun gehabt, „die nicht seinem Niveau entsprach“. Offenbar hat der Behördenschimmel in der Wirtschaftsverwaltung ein besonders dickes Fell. Der normale Bürger hat im Jahr statistische 1,5 Kontakte mit öffentlichen Stellen. Ein Unternehmen in Berlin kommt auf etwa 30 – da können kleinere Hilfestellungen, um die Strauch sich bemühte, schon Erleichterung bringen. Oder eben auch nicht.

Zu den Flops in seiner Amtszeit zählt der Staatssekretär „B2G“, die Abkürzung für Business to Government, also mithilfe des Internets zur Genehmigung. Diese interaktive Gehhilfe ist in Vorbereitung, aber mehr auch nicht. Das ärgert Strauch ebenso wie die Sache mit General Electric. Der US-Mischkonzern hatte 2002 einen Standort für seine europäische Forschung mit rund 200 hoch qualifizierten Arbeitskräften gesucht. Strauch engagierte sich sehr, doch gegen bayerische Lockmittel war kein Berliner Kraut gewachsen. Die Amerikaner wählten München, das arme Berlin hatte die geforderten 50 Millionen Euro, ein Art Begrüßungsgeld, nicht zahlen können.

Doch alles in allem geht Strauch mit einem guten Gefühl aus dem Haus. Vor allem bei der Förderpolitik ist viel passiert, etwa die Fusionen von Berliner Absatzorganisation, Wirtschaftsförderung und Berlin-Partner. „Wir stärken die Starken“, beschreibt Strauch das förderpolitische Leitbild. Ferner ist er ein bisschen stolz über die „revolvierenden Instrumente“ der Förderung: Die Unternehmen bekommen nicht einfach einen Zuschuss, sondern sie müssen Hilfen in der Regel zurückzahlen.

Womöglich ist der Kontakt zu den Firmen das herausragende Merkmal der sechs Jahre Strauch. Bei einer Medizintechnikfirma half er mit gutem Zureden: Das Unternehmen blieb in der Stadt. Seine Mitarbeiter haben mal den Terminkalender ihres Chefs über zwei Monate ausgewertet und dann hochgerechnet aufs Jahr: Rund 1000 direkte Kontakte mit Firmenvertretern kamen dabei raus; physische Kontakte, also face-to-face. „Die Leute brauchen das Gefühl, dass man mit ihnen redet“, sagt Strauch.

In der Senatsverwaltung ist er berüchtigt für den frühen Aufschlag: meistens ist Strauch vor sieben im Büro an der Martin-Luther-Straße. Und vor 22 Uhr selten zu Hause. Der lange Tag hängt nicht allein mit dem Hauptberuf zusammen, vielmehr hat er „immer ein paar Nebenjobs gehabt“. Zum Beispiel als Mitglied verschiedener Schiedsstellen des Gesundheitswesens, als Honorarprofessor an der FHTW oder als Vorsitzender des Landesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen in Brandenburg. Und da kommen noch „einige Ehrenämter“ hinzu, wie Strauch sagt. Das wird bei dem Pensionär nicht anders sein. Vor allem auf den Feldern Kultur und Gesundheit „werde ich mich tummeln“. Womöglich zeigt sich hier die einzige Schwäche des umtriebigen Politikmachers: Er läuft Gefahr, sich zu verzetteln.

Die Kritik der Wirtschaft, vor allem auch seiner alten Kammerkollegen am Senat, kann er nur sehr begrenzt nachvollziehen. Zum Beispiel bei der angeblich fehlenden Privatisierungsneigung. „Es hat nie einen Senat gegeben, der so viel privatisiert hat“, sagt Strauch und zählt auf: die Immobiliengesellschaft GSG, die Feuersozietät, KPM, Berliner Stadtgüter, Berliner Bank und Landesbank.

Beim Thema Privatisierung kommt Strauch gern zum Grundsätzlichen, also zum Leistungsspektrum des Staats. Was muss die öffentliche Hand alles geben, was können Private besser? Trotz aller Abwägungen glaubt der Sozialdemokrat Strauch an einen „zusätzlichen Nutzen, den die öffentliche Eigentümerschaft bringt“. Ein Unternehmen, das nicht nur die eigene Rendite verfolgt, sei womöglich für die Gesellschaft nutzbringender.

0 Kommentare

Neuester Kommentar