Wirtschaft : Mannesmann-Geschäft – jetzt prüft das Finanzamt

Politiker und Aktionärsschützer kritisieren Bewertungen / Streit um Milliarden-Abschreibungen nach der Übernahme

Jürgen Zurheide

Düsseldorf – Der mögliche Versuch des britischen Mobilfunkunternehmens Vodafone, einen Teil der Übernahmekosten des deutschen Konkurrenten Mannesmann auf den Steuerzahler abzuwälzen, fordert massive Kritik heraus. Nach Meinung des Spitzenkandidaten der SPD im Europawahlkampf, Martin Schulz, versuchen Konzerne hier offenbar, die Höhe ihrer Gewinne und Verluste zu steuern. Ein Vodafone-Sprecher bestätigte Teilwertabschreibungen „zu dem Zeitpunkt, als Telekomwerte an den Börsen stark verloren haben“. Er sagte aber, das sei ein ganz normaler Vorgang.

Der ehemalige Mannesmann-Chef Klaus Esser rechtfertigt vor Gericht seine Millionen-Abfindung unter anderem mit der Steigerung des Aktionärsvermögens. „Er ist ein großartiger Kerl“, bestätigte ihm während des Prozesses sein damaliger Gegenspieler, Vodafone-Chef Chris Gent, noch im Gerichtssaal. Mit dieser Aussage half er Esser nicht unwesentlich, seinen Kopf aus der juristischen Schlinge zu ziehen, die die Staatsanwälte dem einstigen Mannesmann-Chef bereitet hatten.

Nachdem Vodafone Anfang 2000 die Mehrheit der Mannesmann-Aktionäre überzeugt hatte, ihre Aktien gegen Vodafone-Anteile zu tauschen, begann hinter den Kulissen ein wildes Spiel. „Da wurde viel hin und her geschoben“, berichtet ein früherer Mannesmann-Aufsichtsrat dieser Zeitung. Den Informationen zufolge wurde der größte Teil dieser Anteile für kurze Zeit in Luxemburg geparkt und am 22. Dezember des Übernahmejahres 2000 an die neu gegründete deutsche Vodafone GmbH verkauft. Exakt 146,928 Milliarden wurden dafür in der Bilanz verbucht, was einem Wert von 309 Euro pro alter Mannesmann-Aktie entspricht.

Als die Vodafone-Verantwortlichen jetzt die auf das Kaufjahr folgende Bilanz bei den Düsseldorfer Konzernbetriebsprüfern vom zuständigen Finanzamt einreichten, staunten die Beamten nicht schlecht. Die Vodafone-Manager hatten den Kurs von 309 Euro erneut den Realitäten angepasst und sich für einen Wert von etwa 200 Euro für die alte Mannesmann-Aktie entschieden. „Da entsteht dann ein Abschreibungsbedarf von rund 50 Milliarden Euro“, erklärt ein Insider. Solche Abschreibungen sind vom Gesetzgeber vorgeschrieben, wenn sich der Wert einer Beteiligung im Laufe der Zeit verringert (siehe Lexikon).

Diese 50 Milliarden Euro werden als Teilwertabschreibungen verbucht und könnten dazu führen, dass Vodafone in Deutschland mit Erstattungen schon gezahlter Gewinnsteuern rechnen und darüber hinaus vorerst von weiteren Steuerzahlungen freigestellt wird. Die Finanzbehörden geben sich wortkarg. „Zu laufenden Steuerverfahren nehmen wir grundsätzlich keine Stellung“, sagte der Sprecher des nordrhein-westfälischen Finanzministeriums. Die Finanzbeamten monieren nach Information dieser Zeitung den Wert von 309 Euro für die Aktie. Begründung: Ende des Jahres 2000 sei der Vodafone-Aktienkurs schon viel niedriger als während der Übernahmeschlacht im Winter 1999/2000 gewesen.

Vodafone rechnet hingegen mit den Tauschkursen, die auf dem Höhepunkt des Übernahmekampfes sogar bei 390 Euro lagen. Während Esser vor Gericht seine Abfindung mit diesen überhitzen Kursen rechtfertigt, liefert der Steuerstreit all jenen Argumente, die den Aktienkurs während einer Übernahme nicht für den geeigneten Erfolgsmaßstab halten. Selbst die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz ist an diesem Punkt sehr zurückhaltend. Dort weist man darauf hin, dass solche Kurse mit dem realen Wert eines Unternehmens nur wenig zu tun haben. Essers Argument, niemand habe auch nur einen Cent verloren, lässt der DSW-Sprecher Jürgen Kurz nicht gelten. „Die meisten haben sich an die Empfehlung von Esser gehalten und die Vodafone-Aktien gehalten, nur die wenigen, die verkauft haben, haben Kasse gemacht.“ Für all die anderen war der Traum vom großen Geld schnell ausgeträumt.

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