Wirtschaft : Mannesmann-Prozess kommt zum Schluss

Die Staatsanwälte setzen zum Plädoyer an – doch schon jetzt ist ein Freispruch der angeklagten Spitzenmanager absehbar

Jürgen Zurheide

Düsseldorf - Für die Verteidiger wird es an diesem Mittwochmorgen nur noch um eines gehen: Werden die Staatsanwälte im Rahmen ihres Plädoyers neue Beweisanträge vorlegen oder nicht? „Ich hoffe, sie tun es nicht“, sagt am Tag davor einer aus der Riege der zwölf Verteidiger. Er sagt das weniger aus Angst vor neuen Enthüllungen, sondern vielmehr, weil er sich nach 32 Verhandlungstagen einfach nur noch ein schnelles Ende des Prozesses wünscht.

Seit dem 21.Januar müssen sie ein- bis zweimal die Woche in Saal L111 des Düsseldorfer Landgerichts erscheinen – die zwölf Anwälte und ihre Klienten: der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser, der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns, Joachim Funk, Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel sowie zwei weitere Mannesmann-Mitarbeiter. Sie waren die Verantwortlichen im Übernahmekampf zwischen Mannesmann und Vodafone vor über vier Jahren. Wegen Untreue hat die Staatsanwaltschaft sie angeklagt. Die Vorsitzende Richterin Brigitte Koppenhöfer war nach langer Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, dass die Vorwürfe der Staatsanwälte mehr als berechtigt waren. Es geht um die größte Übernahmeschlacht in der Wirtschaftsgeschichte: Vodafone hatte Mannesmann damals für knapp 190 Milliarden Euro übernommen. In der Endphase dieses Kampfes, davon sind die Staatsanwälte überzeugt, spielten vor allem die Anerkennungsprämien für den ehemaligen Chef Esser und sein Management eine nicht unerhebliche Rolle. Neben der ihm vertraglich zustehenden Abfindung von rund 30 Millionen Mark kassierte Esser noch einmal die gleiche Summe als „Anerkennungsprämie“. Und weitere 30 Millionen verteilte er – ohne Rücksprache mit dem gesamten Vorstand – an einige wenige Führungskräfte.

Die Staatsanwaltschaft wollte Esser sogar wegen Bestechlichkeit anklagen. „Er hat sich seinen Sinneswandel abkaufen lassen“, hat der leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Henke einmal öffentlich gesagt und war danach wegen dieser Äußerung unter Druck geraten. Am Ende blieb die Anklage dann nur bei dem Vorwurf der Untreue.

„Sie haben gegen die Interessen des Unternehmens gehandelt“, haben die Ankläger Esser im Gerichtssaal vorgeworfen und eine lange Reihe von Indizien vorgetragen, die sie in ihrer mehr als 400 Seiten umfassenden Klageschrift ausbreiten. Demnach war Esser kurz vor dem Ende der Übernahmeschlacht vornehmlich an seinem eigenen Wohl interessiert und weniger, wie von ihm behauptet, an dem des Konzerns oder der Aktionäre. „Ich habe den Wert fantastisch gesteigert“, verteidigte sich Esser immer wieder und wies darauf hin, dass sich der Aktienkurs während des Übernahmekampfes mehr als verdoppelt hatte.

Neben Esser war an den Beschlüssen für die umstrittenen Abfindungen auch Joachim Funk, damals Aufsichtsratschef, beteiligt. Auch er holte dabei für sich selbst eine ansehnliche Summe raus – sechs Millionen Mark hat er am Ende bekommen. Die Beschlüsse jedenfalls, so das eindeutige Ergebnis der Beweisaufnahme, waren zum Teil rechtswidrig und mussten wiederholt werden. Und daran waren die anderen vier Angeklagten beteiligt. So hat Deutsche-Bank-Chef Ackermann als Mitglied im Präsidium des Aufsichtsrates die Prämien und die hohen Pensionsabfindungen für ehemalige Vorstandsmitglieder durchgewunken. Und er hat auch nicht widersprochen, als der offenkundig rechtswidrige Beschluss zu Gunsten von Funk gefasst wurde. Das gilt auch für Zwickel. Aber ihm kommt immerhin zugute, dass er bei der entscheidenden Sitzung nur telefonisch zugeschaltet war und seine Zustimmung später in eine Enthaltung abmilderte.

Richterin Koppenhöfer hat allerdings schon vor Wochen zu erkennen gegeben, dass sie zwar die Zahlungen aktienrechtlich für unzulässig hält. Aber an einer vorsätzlich strafrechtlichen Handlung zweifelt das Gericht. Von „unvermeidbarem Verbotsirrtum“ ist die Rede. Das bedeutet: Das Tun war rechtswidrig, die Angeklagten wussten es aber nicht. Die Staatsanwaltschaft hat es in den vergangenen Wochen nicht geschafft, das Gericht vom Gegenteil zu überzeugen. Es lehnte die meisten Beweisanträge ab.

Die Auslegung der Richter ist jedoch umstritten. So sagt der Stuttgarter Anwalt Martin Sorg, der das Verfahren mit seiner Anzeige ins Rollen gebracht hat: „Dem Chef der Deutschen Bank kann kein unvermeidbarer Verbotsirrtum zugestanden werden.“ Genau das könnte zum zentralen Punkt eines Revisionsverfahrens werden, sollte sich das Gericht für einen Freispruch entscheiden. Und auf den deutet derzeit alles hin.

KLAUS ESSER

60 Millionen Mark

kassierte der ehemalige Mannesmann-Chef

bei der Übernahme durch Vodafone.

KLAUS ZWICKEL

Als Mitglied des Mannesmann-Aufsichtsrates war der Ex-IG-Metall- Chef an der Entscheidung über Pensionsabfindungen in Millionenhöhe für Vorstandsmitglieder beteiligt.

BRIGITTE

KOPPENHÖFER

Die Vorsitzende

Richterin im Mannesmann-Prozess, der im Januar 2004 vor dem Düsseldorfer Landgericht begonnen hat, wird die angeklagten Spitzenmanager voraussichtlich freisprechen.

Sie wertet die Millionenzahlungen zwar als aktienrechtlich unzulässig. Eine vorsätzliche strafrechtliche Handlung bezweifelt die Richterin bisher allerdings.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben