Wirtschaft : Mannesmann zeigt: Die Starken sind die besten Übernahme-Kandidaten (Kommentar)

Rainer Hank

Die Schlacht ist geschlagen - ein Bann gebrochen. Der Ausgang des Übernahmekampfes in der Telekommunikation wird die deutsche Wirtschaftswelt grundlegend verändern. Nicht von heute auf morgen. Aber viel länger als bis übermorgen kann es angesichts des neuen Tempos nicht mehr dauern. Vielerorts, insbesondere im angelsächsischen Ausland, wird der Sieg von Vodafone über Mannesmann als Signal dafür verstanden, dass die Festung jetzt offen ist. Das wird anderen Appetit machen. Schon reden alle über die Deutsche Telekom. Gelingt Ron Sommer nicht selbst bald ein großer Coup, eignet sein Unternehmen sich als nächstes Übernahmeobjekt. Die Starken, nicht die Schwachen, sind die besten Kandidaten. Die Börsen hatten das schon begriffen, als sich das Ergebnis des Machtkampfes zwischen Vodafone und Mannesmann abzeichnete.

Die Monate der Schlacht zwischen November 1999 und Januar 2000 werden aus vielerlei Gründen in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Als Vodafone zum Angriff blies, war ein Aufschrei des Entsetzens durch Deutschland gegangen. Systemwidrig, ungehörig und unappetitlich seien feindliche Übernahmen hieß es aus allen Parteien. So argumentierten noch die zurückhaltenden Kritiker. Die anderen vergriffen sich im Vokabular des Nationalismus. Die IG Metall rief zu Massenprotesten auf, und der Bundeskanzler ließ den Briten über die französische Zeitung "Le Monde" ausrichten, feindliche Übernahmen möge man hierzulande gefälligst unterlassen.

Seither hat das ganze Land einen Lernprozess durchgemacht: das Kampfwort "feindlich" ist aus der Perspektive des Managements der Zielgesellschaft formuliert. Für die Aktionäre sind Angebote allemal freundlich, ob sie darauf eingehen oder nicht. Zu diesem Lernprozess trug auch die bis an die Grenze des Klamauks reichende Werbekampagne beider Konzerne bei. Sie erzählte die neue Wirtschaftswelt als tägliches Bilderbuch für jedermann. Die Politik hat daraus Konsequenzen gezogen. Jetzt wird Mannesmann ein britisch-amerikanisches Unternehmen. Kaum einer hat daran noch etwas auszusetzen. Die Kampagne hat sich gelohnt.

Doch: Machte der Handschlag zwischen Chris Gent und Klaus Esser zum Schluss nicht doch aus der feindlichen eine freundliche Übernahme? Die Bilder täuschen. Es war in Wirklichkeit der Gestus der Unterwerfung. Noch nicht einmal ein "merger of equals" - eine Fusion unter Gleichen - war für Esser drin. Er wollte überhaupt keine Fusion. Es waren die Aktionäre, allen voran die großen und mächtigen Investmentfonds, die ihn deutlich und bestimmt drängten, auf das Angebot einzugehen: aus Essers Sicht der Auftrag zur Kapitulation.

Für die deutsche Unternehmensverfassung drehen sich damit die Perspektiven: Deutsche Vorstände von Kapitalgesellschaften pflegten gerne so aufzutreten, als gehöre ihnen die Firma. Ihre Aufsichtsräte, meist angeführt vom Vorgänger, ließen ihnen diesen Anspruch. Jetzt werden die Rollen wieder richtig zugewiesen: Vorstände sind Angestellte der Anteilseigner. Dafür werden sie - bekanntlich nicht schlecht - bezahlt. Die Aktionäre oder ihre Agenten in den Fondsgesellschaften kümmern sich darum, dass das Kapital eine ordentliche Rendite erzielt.

Aus Vodafone und Mannesmann wird - gemessen an der Börsenbewertung - das viertgrößte Unternehmen der Welt. Es ist die Welt der Kommunikation. In der Spitzengruppe (Microsoft, General Electric, Cisco) entstammt nur noch ein Unternehmen dem Muster der ersten industriellen Revolution: General Electric. Dafür steht auch der Name Mannesmann. Im neuen Unternehmen soll er nicht mehr vorkommen. Auch Deutschland erhält Anschluss an das Zeitalter der neuen Technologien. Die Geschwindigkeit des Umbaus ist beachtlich.

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