Wirtschaft : Manuela Fischer

Geb. 1962

Annett Gröschner

Sie war ein Berliner Fischkopp. Schuppe war schuld. Für Schuppe war es Liebe auf den ersten Blick. Der Haushandwerker der Musikhochschule kam in die Musikspezialschule, um Essen zu holen, und traf in der Küche auf die Kaltmamsell Manuela, die alle nur Manu nannten. Sie konnte sich nicht sofort verlieben. „Ich muss- te mir erst die Haare abschneiden, ehe sie mich zur Kenntnis nahm“, sagt Schuppe, der nur in seinen Papieren Joachim Fischer heißt. Die Sache ist jetzt fast 20 Jahre her, beide waren damals verheiratet, Manu hatte eine kleine Tochter, Melanie.

„Schuppe kam von der Insel Usedom nach Berlin und warf sein Netz aus. Seitdem sitz’ ich drin“, hat Manu 2003 einem Sportreporter erzählt. Der hatte sie zum Start der Bundesligasaison interviewt, denn sie war die Wirtin von „Schuppe’s Sportklause“. Auf dem Foto steht sie hinterm Tresen: eine schöne blonde Frau mit Hansa-Rostock-Basecap. Die Sportklause ist an der Ecke Acker-/Torstraße, da wo die schicke Mitte nicht mehr ganz so schick ist. Manu war hier zu Hause, bevor alle anderen kamen.

Wenn eine Frau sich mit einem Wahlberliner einlässt, dessen Mutter zu sagen pflegt, er habe bei der Geburt so lange gebraucht, weil der Hansa-Rostock-Schal um den Hals zu dick war, weiß sie, was sie erwartet: Alle Spiele sind Auswärtsspiele, bis auf die gegen Hertha in Berlin. Und immer im Frühjahr das große Zittern: Klassenerhalt oder Absturz.

Manu blieb nichts anderes übrig, als Schuppes Hobby zu übernehmen. Aber sie konnte auch unerbittlich sein. Sie liebte den Berliner Tierpark, hier hatte sie im Terrassencafé ihren Beruf gelernt. An einem Sonntag war ein Tierparkbesuch ausgemacht, Schuppe kam in der Nacht vom Hansa-Spiel zurück, hatte sich irgendwo den großen Zeh gestoßen, so genau wusste er das auch nicht mehr. Es gab kein Pardon, der Ausflug fand statt. Schuppe humpelte seiner Familie hinterher, bis Tochter Melanie sagte: „Ich kann nicht mehr, wollen wir nicht eine Pause machen?“ Ihrer Tochter konnte Manu keinen Wunsch abschlagen.

Manu ist dann mit zu den Spielen gefahren. So konnte sie Schuppe auch mal sonnabends sehen, und sie hatte Gelegenheit, sich die Städte anzugucken, in denen Hansa spielte. Weil sie eine war, die die Leute zu den unmöglichsten Dingen überreden kann, machen die Berliner Hansa-Fans, „Berliner Fischköppe“ nennen sie sich, inzwischen vor den meisten Spielen einen Spaziergang durchs Stadtzentrum. „Kulturpunkte sammeln“, heißt das bei ihnen.

Ein Drittel der Fischköppe sind Frauen. „Unsere Männer machen nicht so viel Unsinn, wenn Frauen in der Nähe sind“, hat Manu dem Sportreporter erklärt.

Irgendwann kam die Idee auf, in Berlin eine Vereinskneipe für die Hansa-Fans zu gründen. Die erste in der Tieckstraße haben Manu und Schuppe Anfang 2001 mit Schuppes Abfindung aufgemacht. Da arbeitete Manu noch in der Schulküche und briet nach der Arbeit ihre berühmten Buletten in der Sportklause.

Als sie die Kneipe in der Torstraße 2002 neu eröffneten, hörte sie in der Schule auf und war nur noch Wirtin. Jeder war willkommen, selbst St.-Pauli- Fans oder Leute, die mit Fußball höchstens zu Weltmeisterschaften etwas anfangen können. So hätte es ewig weitergehen können. Die Fischers wollten ja nichts Unmögliches. Dass die Kneipe läuft, dass Hansa im unteren Mittelfeld der Tabelle steht, mal eine Reise nach Rom und nicht nur mit dem Wohnwagen auf den Parkplatz des Rostocker Stadions, eine glückliche Tochter, eine sonnige Wohnung mit Balkon.

Manu wusste, dass ihre Gesundheit bedroht war. Ihre Mutter war an einem vererbbaren Lungenkrebs gestorben. Jedes Jahr ging Manu zur Untersuchung, nur 2003 verpasste sie eine wegen der Arbeit in der Kneipe und im Verein.

„Die Saison 2004/2005 hatte schon begonnen“, sagt Schuppe, wenn er von dem Tag im August spricht, an dem Manu mit dem Befund nach Hause kam. Kurz vorher war sie zusammengebrochen. In der Nacht hat Schuppe dann im Internet nach der Bedeutung der Kürzel auf ihrem Befund gesucht. Und er erfuhr, dass es keine Hoffnung mehr für Manu gab. Er hat nicht mit ihr darüber gesprochen. Er wollte mit ihr an ein Wunder glauben.

Als Manu starb, ging die Bundesligasaison ihrem Ende entgegen. Für Hansa sah es nicht gut aus, vorletzter Platz.

Zur Beerdigung kamen mehr als zweihundert Leute. Sie gaben Manu ein blauweißes Trikot mit, darauf die Unterschriften aller Spieler.

Zwei Tage danach hat Hansa gegen Stuttgart gewonnen. Geholfen hat es nicht mehr.

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