Wirtschaft : Maos Schneider hat alle Veränderungen überstanden

MARCUS W.BRAUCHLI

Das riesige Portrait von Mao Tsetung, der kühl den Tiananmenplatz überblickt, wirbt in gewisser Weise für das Lebenswerk des fleißigen und bescheidenen Schneiders Tian Artong.Sowohl auf dem sechs Meter hohen Gemälde als auch in dem Sarkophag, wo er kurz nach seinem Tode im Jahr 1976 aufgebahrt wurde, trägt der verstorbene Revolutionär TiansÕhandgenähte Kreationen - kastenförmige Anzüge, die man in der ganzen Welt mit dem Parteivorsitzenden Mao verbindet und die jahrelang von Millionen seiner Anhänger getragen wurden.

Tian hat die Mode zwar nicht kreiert, aber er hat Karriere gemacht, indem er den wichtigsten Männern Chinas Anzüge geschneidert hat.Der Geschmack hat sich inzwischen gewandelt.Auf dem Tiananmenplatz tragen Geschäftsleute, Beamte und die politische Elite westliche Anzüge.Selbst Bauarbeiter kehren nach vorübergehender Arbeit in der Stadt mit einem zweiteiligen westlichen Anzug in ihre Dörfer zurück.Die modische Eigenart des neuen Chinas ist die auffällige Designermarke am unteren Ärmel.

Veränderungen stören den 74jährigen Tian nicht.Er kennt jeden wichtigen Menschen - in einem Land, wo "guanxi" oder Beziehungen alles sind, ist dies entscheidend; Tian hat die turbulenten Zeiten überdauert.In seinem Atelier einige Häuserblocks hinter Tiananmen hängen an den Ständern Anzugwesten, der entscheidende Bestandteil des dreiteiligen Outfits im Bankerstil, das gegenwärtig vom chinesischen Kabinett bevorzugt wird.Den Mao-Anzug schneidert Tian nur noch für bestimmte Anlässe.Im März hat er einen in koservativem Grau für den Premierminister Zhu Rongji gemacht.Doch diese Anzüge sind hauptsächlich für formale Anlässe, oft im Ausland, gedacht, wenn die politischen Führer an die Unterschiede zum Westen erinnern wollen.

Während Tian die Kunden aufzählt, zu denen Opfer vergangener politischer Säuberungsaktionen und ihre nun in Mißkredit geratenen Ankläger gehören, platzt ein gepflegter Besucher mit Beeper dazwischen.Die Sicherheitstruppe von Zhongnanhai, der abgegrenzten Wohngegend der chinesischen Führung, verlangt nach westlichen Anzügen."Selbstverständlich, selbstverständlich", sagt Tian und schickt den Besucher mit einem Assistenten fort, um einen Entwurf zu machen.Für Tian ist Chinas Modernisierung in den vergangenen 20 Jahren in gewisser Hinsicht eine Rückkehr in die Vergangenheit.1935 hat er als 13jähriger Lehrling bei einem englischen Schneider in Shanghai gelernt, zweireihige Nadelstreifenanzüge, Smoking-Sakkos aus Samt und Anzüge mit Satinstreifen zu nähen.Es war die Kleidung für die Bourgeoisie, die Wohlhabenden und vorübergehend zu Kriegszeiten, auch für die Besatzer.

Nach der kommunistischen Revolution von 1949 ging dieses Geschäft ein.Daher begann Tian mit der Herstellung des sogenannten Zhongshan zhuang, einem von Sun Yatsen, dem Gründer des republikanischen Chinas Anfang des 20sten Jahrhundert begründeten Stils, den sich später der Vorsitzende Mao zu eigen machte und für dessen Popularität Mao sorgte.Der Look war im revolutionären China praktisch.Die Anzüge wurden bis zum Hals hochgeknöpft, so daß die Männer darunter im Sommer ein T-Shirt und im Winter einen Pullover tragen konnten."Bei einem westlichen Anzug braucht man ein Hemd, eine Krawatte, Lederschuhe und einen Gürtel - so viele teure Sachen," sagt Tian.Zhongshan zhuang dagegen hatte eckige Taschen auf der Vorderseite und einfache, weite Hosen.Das schwierigste für den Schneider, sagt Tian, war das Rückenstück so zu schneiden, daß es tadellos saß; weil es anders als westliche Anzüge keine Rückennaht hat, sondern nur aus einem Teil besteht.

Tian beherrschte bald das Schema und wurde 1956 beordert, in Zhongnanhai zu nähen.Er wurde der Topdesigner des staatlichen Bekleidungsunternehmens Rote Kapital Gruppe.Für Mao machte Tian die Ärmel extra lang und die rechte Schulter weiter, so daß der Vorsitzende mehr Bewegungsraum hatte, wenn er den Massen zuwinkte.Außerdem versah er den Hosenschlitz mit Knöpfen, weil Mao einfache, altmodische Dinge vorzog.Und die Hosenbeine mußten besonders weit sein, da Mao seine Schuhe anbehalten wollte, wenn er sich umzog.

Während der 1966 beginnenden Kulturrevolution, in der ein fremdenfeindliches China ein Jahrzehnt lang in ideologischem Chaos versank, hat er sorgfältig jeden Zoll englischen und italienischen Stoffes aufgehoben, weil er wußte, daß es schwierig wäre, mehr zu bekommen.Einige Kunden verschwanden, weil sie Opfer von politischen Säuberungsaktionen wurden, andere kamen hinzu - Tian durfte Aufträge von ausländischen Diplomaten entgegennehmen, die zu der Zeit nirgendwoanders hinkonnten.Das Geschäft boomte."Ich nehme (an Politik) keinen Anteil.Ich bin nur ein Schneider", sagt er."Ich hatte soviel zu tun!"

Der schwierigste Auftrag von Tian: den Anzug zu nähen, in dem Mao aufgebahrt wurde.Noch einmal nahm Tian von seinem berühmtesten Kunden Maß; die öffentliche Grabstätte, wo der Körper noch immer liegt, machte es erforderlich, die Schultern im Anzug breiter und flacher erscheinen zu lassen.Tian durfte nur natürliches Material verwenden.Heute gibt er lächelnd zu, daß er kein Giorgio Armani ist, obwohl er italienische Anzüge den amerikanischen vorzieht.Inspirieren läßt er sich von seinen Klienten und von den Fernsehnachrichten."Man kann sehen, was Führer tragen sollten", sagt er.Premierminister Zhu mag Anzüge mit Westen.Präsident Jiang Zemin, ein moderner Mann, mag Hosen mit hohem Bund und Reißverschluß.

Tian reagierte amüsiert, als er hörte, daß in der kapitalistischen Bastion Hongkong, die nun an China zurückgefallen ist, einige modebewußte Menschen Leinen- und Seidenanzüge im Mao-Stil kaufen.

Einen Absatzmarkt gab es für den anpassungsfähigen Tian immer: Mehrfach schlugen ihm angebliche Investoren vor, sein Unternehmen zu privatisieren.Er könne damit zehnmal mehr verdienen als jetzt; sein derzeitiges Monatsgehalt beträgt 3000 Yuan (etwa 360 Dollar).Aber die Rote Kapital Gruppe sorgt für ihn: Vor mehreren Jahren konnte er sich eine eigene Wohnung kaufen.Jeden Morgen wird er in einem schwarzen Audi zur Arbeit gefahren.Sich selbständig machen, sagt Tian, ist undenkbar."Wie könnte ich das tun? Ich habe dem Vorsitzenden Mao gedient."

Übersetzt von Karen Wientgen

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