Wirtschaft : Margit Kleiner

(Geb. 1920)||Ihr Vater betrieb das „urfidele Tanzhaus“, sie den „Cortina Bob“.

David Ensikat

Ihr Vater betrieb das „urfidele Tanzhaus“, sie den „Cortina Bob“. Erich Schmidt hieß ihr erster Mann, die Liebe ihres Lebens. Sie hatte ihn in einem Vergnügungspark getroffen. Wo auch sonst? Natürlich war er einer, der da arbeitete. Sie arbeitete da ja auch. So wie schon die Eltern, die Großeltern, die Urgroßeltern. Ihr Vater hatte mal gesagt: „Mädchen, heirate einen Beamten. Da weiß man, was man hat.“ Aber das kann er kaum ernst gemeint haben. Leute aus dem Schaustellergeschäft heirateten Leute aus dem Schaustellergeschäft, das war schon immer so gewesen.

Sie hatte Erich 1940 kennen gelernt, 1943 haben sie geheiratet. Dazwischen schrieben sie sich Briefe. Es war Krieg, Erich war Soldat. Sie hat zwei Fotos zusammengeklebt, auf dem einen sie, das schöne runde Gesicht mit den dunklen gewellten Haaren, ein unbeschwertes Lächeln mit einer kleinen Lücke zwischen den Vorderzähnen, auf dem anderen er, die Soldatenmütze schräg auf den blonden Haaren, der Blick verwegen, die Lippen fest zusammen. Auf die Rückseite der Collage hat sie das Jahr und die Entfernung geschrieben. 1941 – 2400 km.

Ihre Liebe, das waren die Briefe. Die Ehe währte hundert Tage. Am 9. Januar 1943 war er auf Urlaub, Hochzeitsurlaub. Am 19. April, längst wieder in der Ukraine, Insel Krim, fuhr er im Wehrmachts-LKW über eine Mine.

Margit, Witwe mit 23 Jahren, blieben die Briefe: die Erinnerung an eine Liebe, die auf immer ein Versprechen blieb.

Ihr Vater war Edwin Starke. Der Edwin Starke, Spezialist für Frohsinn, Staunen und Vergnügen. Fester Wohnsitz Leipzig, doch ständig mit seinen Attraktionen unterwegs. Mit dem „urfidelen Tanzhaus Moulin Rouge“, der „Juxbaude“, mit dem „500-jähr. Riesen Krokodil mit seinen lebenden Jungen“.

Margit zweifelte nie daran: Allein das Schaustellerleben war ein gutes Leben. Das war so vor dem Krieg, und nach dem Krieg konnte ja nicht alles anders sein. Wenn Leipzig jetzt zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, und die Sowjets wenig Verständnis für die Schaustellerei aufbrachten, dann zogen die Schausteller eben nach Berlin, West-Berlin, versteht sich. Die Starkes hatten nun nicht mehr die größten Attraktionen zu bieten, die „Juxbaude“ hieß jetzt „Haus des Lächelns“. Aber sie kamen über die Runden.

Margit heiratete 1947 noch einmal, den Herrn Kleiner jetzt. Selbstverständlich war auch er im Vergnügungsgeschäft tätig – man darf davon ausgehen, dass dies ein wichtiger Grund der Ehe war.

Mit der Wirtschaft entwickelten sich die Apparaturen. Die Kleiners leisteten sich, wann immer möglich, die modernsten. Sie hießen: „Cortina Bob“, „Düsenspirale“ und „ Kleiners Autoscooter“. Der Autoscooter kam aus Italien. Es war einer der ersten mit Chipeinwurf am Wagen. Der Vorteil der neuesten Attraktionen: Man kommt damit herum, man bekommt gute Aufstellmöglichkeiten auf den Vergnügungsplätzen (nur nicht „Rummel“ sagen! „Rummel“ klingt niveaulos).

Margit saß an der Kasse und am Autoscooter-Mikrofon, sie beaufsichtigte den Auf- und Abbau, sie kochte für die Angestellten Eintopf, damit die nicht in die Kneipe mussten, wo sie sehr gerne ihre Arbeitskraft gemindert hätten. Doch auch ihr, der resoluten Chefin, war das Vergnügen wichtig. Kein Schaustellerball ohne sie, immer in einem neuen Ballkleid, und wenn der „Gesellige Verein der Schaustellerfrauen Berlins“ sich traf, war sie dabei. Sie war so gesellig, dass sie dem Verein 20 Jahre lang vorsaß.

Ihr zweiter Mann starb schon mit 60, und Margit blieb ganz selbstverständlich im Geschäft. Das wurde kleiner mit den Jahren, ein Kinderkarussell, ein Automatenwagen, zum Schluss noch eine „Schieße“. Je weiter Margit sich vom Vergnügungsgeschäft entfernte, desto näher war ihr die Erinnerung. Sie holte Erichs Briefe hervor, sie hängte seine Bilder an die Wand. Im Atlas zeichnete sie seinen Soldatenweg nach, mit Vermerk für jeden seiner Briefe, jedes nachvollziehbare Ereignis. Auf der Krim ist das letzte Datum notiert, der 19. April 1943.

Der Nichte schrieb sie auf, was nach ihrem Tod zu tun sei. Die Briefe und Fotos ihrer großen Liebe soll die Nichte verbrennen, allesamt. „Es wird ja nie wieder jemand nach Erich Schmidt fragen.“

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