Wirtschaft : Margit Schweikowski

(Geb. 1908)||Sie hatte eine Vergangenheit, die nicht verging.

Veronika de Haas

Sie hatte eine Vergangenheit, die nicht verging. Für Margit Mannheim waren die zwanziger Jahre wirklich goldene Jahre. Unbeschwert streifte sie durchs Leben, ging tanzen, spielte Tennis und hervorragend Klavier. Nicht wenigen Herren verdrehte die charmante Dame den Kopf. Geheiratet hat sie Bernhard Schweikowski, Ingenieur und Boxer.

Hitler kam an die Macht, und das unbeschwerte Leben war vorbei für die junge jüdische Pianistin. Bernhard ließ sich scheiden und Margit floh nach Prag. Schutzengel Nummer eins trat seinen Dienst an: Rudi Juncker, Zwiebackvertreter und Verehrer. Eigentlich wollte er Margit immer den Himmel auf Erden bereiten. Doch für Juden wie sie zählte nur noch das nackte Überleben. Also sorgte Rudi dafür.

Mit ihm kam sie zurück nach Charlottenburg, inkognito. Er besorgte die Ausweispapiere. Immer neue Namen, immer neue Biografien. Am längsten hieß sie Helga König. Tagsüber saß sie in Junckers Büro als Sekretärin, im Luftschutzbunker schimpfte sie zur Tarnung auf die Juden. Mutter Mannheim starb 1941 in Theresienstadt.

Angst bestimmte Margits Alltag. Jeden Moment konnte sie entdeckt oder verraten werden. Manchmal flüchtete sie nach vorn und begab sich mitten ins Feindesland. Extrovertiert tanzte sie mit Rudi auf rauschenden Festen im Adlon und im Esplanade. Ganz so, als würde sie den Nazis auf der Nase herumtanzen.

Die Befreiung erlebte sie im Luftschutzbunker am Zoo. War der Albtraum jetzt vorbei? Die jüngste Vergangenheit wollte sie am liebsten vergessen machen. Und blieb dennoch in Charlottenburg, Heimstatt ihrer Jugend, Heimstatt ihrer Pein. Und sie heiratete Bernhard, der sich von ihr hatte scheiden lassen, noch einmal. Als sei nichts gewesen.

Es war aber etwas gewesen. Nicht mal an ihr wahres Geburtsdatum konnte Margit sich recht erinnern. Zu lange hatte sie jemand anderes sein müssen. Demütigung und Furcht steckten ihr buchstäblich in den Knochen, sie litt unter Angstzuständen und Schmerzen. Während der Kopf versuchte zu verdrängen, fochten Körper und Seele den Kampf mit der Vergangenheit. Die Schweikowskis ließen sich ein zweites Mal scheiden. Margits Schmerzen blieben.

Schutzengel Nummer zwei betrat Mitte der fünfziger Jahre Margits Leben: „Gestatten, Edward P. Melotte“, stellte sich der britische Offizier ihr am Klavier vor. Kurze Zeit später nannte sie ihn Ted, und sie verbrachten den Rest seines Lebens gemeinsam. Margit übernahm die Buchhaltung in seiner Reinigung in der Brunnenstraße und half in dem englischsprachigen Theater, das er führte. Ted pflegte ihre Seele.

Sie sprach nie viel von der Zeit, die ihr Leben verpfuscht hatte: „Das glaubt einem ja keiner, was man da erlebt hat.“ Gegen die Angst hatte sie Tabletten parat. Selbst moderne Ärzte sahen ein, dass psychosomatische Kuren nicht halfen. Margit Schweikowski versuchte vergeblich, ihre Vergangenheit zu bewältigen.

Als Ted starb, sicherte sie sich mit ihrer alten gewinnenden Art die Ärzte als letzte Schutzengelgarde. Die Radiologin, die Nervenärztin, ihre Sprechstundenhilfe, der alte und der neue Hausarzt wurden ihre Freunde. Auch mit denen sprach sie lieber über Musik als über das Erlebte. Beizeiten nahm sie einem von ihnen das Versprechen ab: „Wenn’s einmal so weit ist, kümmern Sie sich um mich.“

Sie hat lange durchgehalten. Sechzig Jahre Kriegsende bedeuteten für Margit Schweikowski auch sechzig Jahre Angst und Krankheit. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen. 98 ist sie geworden. Vielleicht kann man sagen: Sie hat ihren Krieg gewonnen.

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