Wirtschaft : Marktwirtschaft mit Prädikat

Deutsche Unternehmen machen in der Türkei gute Geschäfte. Aber die Politik bereitet ihnen Sorgen

Thomas Seibert[Istanbul]

Historische Erfolge zu verkünden, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen jedes Politikers. Doch nur wenige hatten in den vergangenen Jahren so häufig Gelegenheit dazu wie der türkische Wirtschaftsminister Ali Babacan. Vor kurzem war es wieder einmal so weit. Als der erst 39-Jährige die Höhe der ausländischen Direktinvestitionen bekannt gab, verhehlte er seinen Stolz nicht: 9,7 Milliarden Dollar hat die Türkei 2005 angezogen, mehr als dreimal so viel wie im Jahr davor. Deutsche Unternehmen haben an diesem Boom einen großen Anteil.

Seit der schweren Krise 2001 wächst die türkische Wirtschaft rasant. Allein im vergangenen Jahr erzielte sie ein Plus von fünf Prozent (siehe Grafik). Die Inflationsrate liegt erstmals seit einer Generation im einstelligen Bereich, das Bankensystem wurde reformiert, und der früher sehr spendierfreudige türkische Staat hat sich eine strikte Ausgabendisziplin auferlegt; die EU verlieh der Türkei das Prädikat „funktionierende Marktwirtschaft“.

Das sind gute Nachrichten für die deutsche Wirtschaft, dem traditionellen Haupthandelspartner der Türkei. Fast 2000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung gibt es hier. Ein Land mit 70 Millionen Menschen, einem relativ niedrigen Lohnniveau, einer jungen Bevölkerung und Aufholbedarf in vielen Lebensbereichen bietet große Wachstumspotenziale.

„Deutlich stärker als das türkische Bruttoinlandsprodukt“ wachse sein Unternehmen, berichtet Carsten Heitkamp, Geschäftsführer der Türkei-Tochter der Heidelberger Druckmaschinen AG. Auch Dienstleister haben die Türkei für sich entdeckt. Die Lufthansa Global Tele Sales betreibt in Istanbul seit drei Jahren ein Call Center, das etwa 30 Prozent aller Lufthansa-Anrufe aus Deutschland bearbeitet. Für Felix Boos, Managing Director der Tele Sales in Istanbul, zählt vor allem, dass er am Bosporus Arbeitskräfte findet, die perfekt Deutsch sprechen: „95 Prozent unserer Mitarbeiter sind in Deutschland aufgewachsen. Sie beherrschen nicht nur die Sprache, sondern kennen auch die deutsche Kultur.“

Ganz ohne Risiken ist der Investitionsstandort Türkei aber nicht. Deutsche Unternehmer beklagen die oft sehr schlechte Zahlungsmoral türkischer Kunden und berichten von Problemen mit den Behörden, besonders dem Zoll. Die schleppende Privatisierung von Staatsbetrieben und fehlende Rechtssicherheit sind ebenfalls oft geäußerte Kritikpunkte.

Vor allem aber trüben Sorgen um die Stabilität der Türkei das Bild. In den 80er und 90er Jahren schwankte das Land zwischen atemberaubenden Höhenflügen und jähen Abstürzen. Die Investoren haben das nicht vergessen. In den vergangenen Tagen führte die Ermordung eines Richters durch einen Islamisten in Ankara zu Kursverlusten an der Börse. „Wellenbewegungen wird es wohl auch in Zukunft geben, aber die Hoffnung ist, dass die Ausschläge kleiner werden“, sagt Heidelberg-Manager Heitkamp. Sollte die Türkei eines Tages die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft verlieren, könnte das allerdings viele Rahmenbedingungen nachhaltig verschlechtern, sagt er.

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