Wirtschaft : Markus Klinner

Geb. 1969

Stephan Reisner

Das Leben hatte anderes mit ihm vor als ein geregeltes Auf und Ab. Acht Mal ist Markus in den ersten Teil von „Herr der Ringe“ gegangen. Teil 2 und 3 hat er gerade noch geschafft. Markus war Spezialist in Sachen Frodo, Gandolf und Sauron, er wusste, was es heißt, vom Schicksal ausgesucht zu sein. Seit seinem fünften Lebensjahr lebte er mit der Ahnung, etwas Dunkles, Unbestimmbares habe sich ihn ausgesucht. Es kam als Kopfschmerz, immer wieder, als Gleichgewichtsstörung und motorische Behinderung, die ihn zu einem wippenden Gang auf Zehenspitzen zwangen.

Damals zogen die Eltern mit ihm von Arzt zu Arzt, aber eine befriedigende Diagnose erhielten sie nicht. Ja, ihr Kind neige zu einem Hydrozephalus, einem Wasserkopf, man müsse eine Drainage unter die Kopfhaut verlegen, damit sich das Gehirnwasser nicht staut. Es könne aber auch eine Zyste im Rückenmark sein, vielleicht sogar ein Tumor, aber exakt ließe sich das nicht bestimmen. Es vergingen acht läppische Jahre auf der Zeitachse der Medizingeschichte, dann gab es Kernspintomographen. Acht Jahre, in denen beinahe eine Kindheit verloren ging und ein Familienleben sich einstellen musste auf die wiederkehrenden Schmerzattacken, gedämpft nur durch stundenlanges Baden und nächtelanges Streicheln.

Dann endlich, fast schon eine Erlösung, die Diagnose: Tumor im Rückenmark. Es gibt zwei Lösungen, sagte der Arzt, entweder operieren und eine Querschnittslähmung in Kauf nehmen. Oder warten und die Lebenserwartung rapide herabsetzen. Die Klinners entschieden sich gegen die Operation. In Schweden gab es eine Methode, bei der eine chemische Flüssigkeit gespritzt wird, die den Tumor frisst. Die Sache verlief erfolgreich. Nach zwei Wochen Klinikaufenthalt flog Markus mit seinen Eltern zurück nach Berlin, im Flugzeug hinter ihnen saß Udo Lindenberg. Kaum zu Hause, wollte er sofort wieder zur Schule, die Schmerzen waren weg. Endlich leben, endlich mit Freunden auf Fahrten gehen.

Bahn um Bahn zog er seinen Körper durchs Schwimmbecken, er fuhr Stunden lang Rad. Der Vater trieb ihn jeden Sonntag durch den Wald, als könne ein gestählter Körper jeden erneuten Angriff abwehren. Markus raste mit seinem Mountainbike Berghänge hinunter, er ging zu Punk-Konzerten und tanzte Pogo. Die Mitrempelnden prallten an seinen breiten Schultern wie Fliegen ab. Am Halleschen Tor stürzte er böse mit dem Rad. Aber das war ja nichts im Vergleich zu der dumpfen Angst vor einer Wiederkehr des Tumors.

Das Leben hatte etwas anderes mit ihm vor als ein geregeltes Auf und Ab. Er wollte ein Buch über Off-Kinos in Berlin schreiben, nach Tasmanien reisen und mit Anja zusammen ein Kinderbuch gestalten. Als er sie 2000 kennen lernte, hätte er sie am liebsten sofort geheiratet, im Schottenrock, das war sein Traum.

Von einer Reise nach Jordanien im selben Jahr kam er matt und mit Kopfschmerzen zurück. Im Krankenhaus brach er zusammen, doch man verschrieb ihm nur Schmerzmittel. Da saß längst wieder ein Tumor in seinem Kopf.

Er wurde operiert, kam wieder auf die Beine. Drei Jahre hielt er irgendwie das Gleichgewicht, stets im Zweifel: Wie lange bis zum nächsten Mal?

Die letzten Monate kamen einer Folter gleich. Es ging von einer Krankenstation zur anderen, drei komplizierte Eingriffe, und niemand wusste so recht zu helfen, medizinisch nicht, moralisch nicht. Als er im Krankenhaus starb, waren alle an seiner Seite, die Eltern, die Schwester und Anja, die er zwei Wochen zuvor noch geheiratet hatte. Natürlich im Schottenrock und ein letztes Mal lächelnd, als habe er geahnt, dass sie von ihm schwanger war.

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