Wirtschaft : Marshall Award für Handys und Software aus Osteuropa

Andreas Sugar, der Direktor des führenden ungarischen Unternehmens für mobile Telekommunikation, versteht die Handytechnik nicht bloß als Möglichkeit, bequem zu telefonieren.Vielmehr sei sie ein Mittel, um Privat- und Geschäftsleben umfassend zu organisieren.So können per Tastendruck Kontostände über das Internet abgefragt und Verkaufszahlen an Marketingabteilungen gefaxt werden.

Dank des schnellen technologischen Fortschritts im Bereich mobiler Telefontechik wachsen auch die Anwendungsmöglichkeiten stetig.Doch kaum jemand hat den nonverbalen Telefondiensten so frühzeitig einen solchen Stellenwert beigemessen wie Andras Sugar und seine Westel 900 GSM Mobil Tavkoziesi Rt.In seiner vierjährigen Markttätigkeit hat das Unternehmen mit seiner hauseigenen Software-Schmiede etwa 40 Anwendungen hervorgebracht, die Sugar als "Mehrwert-Service" beschreibt.Unzählige ungarische Kleinunternehmen werden von Westel mit einem Audiotext-Service versorgt.Für den normalen Ungar stellt Megapress 900 ein "Audio-Magazin" zur Verfügung.Hier könnten Informationen aus Bereichen wie Börse, Verkehr, Wetter und Sport telefonisch abgerufen werden.Interessenten aus dem Ausland haben Zugang zu aktuellen englischsprachigen Meldungen, die in Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur Reuters über das Internet eingespeist werden.Noch bleiben die Einkünfte weit hinter denen zurück, die sich mit der herkömmlichen Telekommunikation erzielen lassen.Gleichwohl plant Sugar, bis zum Jahr 2000 sein Engagement in diesem Segment zu verdreifachen.Nur wenn den Kunden jetzt mehr angeboten werde, könne man sich auf dem Markt weiter behaupten.

Das Unternehmen wurde 1993 gegründet.Es gehört der US West Inc.Media One Group und der ungarischen Firma Matav Rt., in der die Ameritech Corp und die Deutsche Telekom mehrheitlich beteiligt sind.Der 52jährige Sugar arbeitete früher bei Westel 450.Hier baute man Ungarns ersten analogen Service.Seitdem teilen sich Westel und das zweite ungarische Unternehmen der Branche, Pannon, sämtliche Einkünfte aus dem enthusiastischen ungarischen Markt.Beim Start von Westel rechnete man mit 230 000 Kunden binnen 10 Jahren.Heute sind es bereits über 430 000 Verträge, die für einen Marktanteil von 52 Prozent im Bereich der mobilen Kommunikation sorgen.

Am vergangenen Freitag hat Westel in Berlin den Europäischen Marshall Award für Großunternehmen in Empfang genommen.Die Auszeichnung wird von der Citibank und dem "Wall Street Journal Europe" gestiftet.Sie würdigt die Betriebsleitung, das Innovationspotential sowie den Beitrag eines Unternehmens zur gesellschaftlichen Entwicklung seines Heimatlandes.

Die Verbreitung von Mobiltelefonen liegt in Ungarn unter 10 Prozent.Nach Ansicht von Sugar könnte diese in den kommenden fünf Jahren auf 25 Prozent steigen.Die Zukunft der ungarischen Telefondienste verlangt jedoch nach immer neuen technischen Lösungen: So bemüht sich Westel um die Lizenz für eine neue Frequenz auf 1800 Megahertz, die im Sommer vergeben werden soll.Bei dieser Bandbreite würde Westel mit den erwarteten technischen Entwicklungen bei Spracherkennung und Nachrichtenübertragung mithalten können, so Sugar.Doch Westel wird sich der westeuropäischen Konkurrenz stellen müssen.So arbeitet das Unternehmen zielstrebig daran, sein Leistungsangebot zu verbessern und neue Kunden zu gewinnen.Dazu ist unter anderem der direkte Vertrieb aufgestockt sowie ein neues, flexibles Rechnungssystem eingeführt worden.Obwohl die Tarife bei Westel im europäischen Vergleich niedrig sind, erscheinen sie in Ungarn hoch - und sind erst recht teurer als die des Mitkonkurrenten Pannon GSM.Auf dem kostenbewußten Markt, auf dem Westel agiert, müsse das Preisleistungsverhältnis betont werden, erklärt Sugar.Diese Technik habe für die Menschen nach Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft eine besondere Bedeutung.Durch die zunehmende Vernetzung Europas vereine sich der Kontinent auf eine ungeahnte Weise.JOHN REED

S

eit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa sagen Experten eine Revolution in der High-Tech-Industrie voraus, die sich auf die Zusammenarbeit und den Export des hervoragenden geistigen Potentials der Region stützt.Neun Jahre später warten sie noch immer.

Viele High-Tech-Firmengründer sind nach vielversprechenden Anfängen nicht richtig ins Rollen gekommen, weil unerfahrene Manager schlechte Entscheidungen getroffen haben oder sich mehr um den schnellen Profit als um den Aufbau des Unternehmens gekümmert haben.Es gibt aber eine kurze Liste ermutigender Ausnahmen.Hermes SoftLab aus Slowenien ist eine davon.

Seit der Gründung vor acht Jahren ist der Konzern zu einem der erfolgreichsten Softwareproduzenten in der Region aufgestiegen und heute einer der am schnellsten wachsenden Privatunternehmen in Slovenien.Die Zahl der Beschäftigten stieg seit 1990 von vier auf 250.Die Manager erwarten, daß der Umsatz in diesem Jahr auf 30 Mill.DM klettern wird, von 20 Mill.DM im Vorjahr.Die Gewinnspanne nach Steuern wird wie schon im Vorjahr bei 19 Prozent liegen.Hermes SoftLab wurde nun mit dem First European Marshall Award für kleinere Unternehmen ausgezeichnet.

Hermes SoftLab ist auf dem wenig glamourösen Feld der Software-Ingenieurwissenschaft tätig, dem Design und der Programmierung von Software.Das Verkaufsargument ist die hohe Flexibilität: Statt die Software selbst zu entwickeln, kann die Firma praktisch in jeder Stufe des Produktionszyklus einsteigen.Geschäftsführer Rudi Bric nennt das Unternehmen eine Denk-Fabrik.Wie die Erfahrung von Hermes SoftLab zeigt, sind es nicht unbedingt billige Arbeitskräfte oder der geeignete Kapitalgeber aus dem Westen, die ein osteuropäisches Softwareunternehmen zum Erfolg führen.Nicht mal äußerst innovative Produkte sind nötig.Was nötig ist, ist gute, altmodische Unternehmensführung.Dabei ist Bric Mathematiker ohne Wirtschaftserfahrung, seine fünf Partner, mit denen er das Unternehmen gegründet hat, sind Software-Ingenieure.

Dem Unternehmen hat es sicherlich geholfen, die richtigen Partner zu haben.Seinen größten Geschäftspartner, Hewlett-Packard, hat es von Hermes, dem Vorgänger aus der Zeit Jugoslawiens, übernommen.Das größte Geschäft für Hermes SoftLab ist heute die gemeinsame Entwicklung von Hewlett-Packards Omni Back II, einem Back-up-System für Unternehmen, das nach Angaben von SoftLab zur Zeit von Microsoft getestet wird.Aber ein großer Teil von SoftLabs Erfolg ist durch das bedingt, was auch anderen Unternehmensgründungen den Erfolg gebracht hat: Bric hat Autorität delegiert, als das Unternehmen wuchs.So hat er beispielsweise die finanzielle Überwachung in die Hände eines neuen Finanz-Vorstands gelegt.Die Firma hat außerdem von Beginn an in die Mitarbeiterauswahl und Weiterbildung investiert.Die Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von 25 kommen aus 14 Ländern.

Trotz des Erfolges hat das Unternehmen Schwachpunkte.Einer davon ist die große Abhängigkeit von einem Geschäftspartner.Die Manager sind sich des Problems bewußt.Sie arbeiten daran, mit der Siemens AG eine ähnliche Geschäftsbeziehung aufzubauen wie mit Hewlett-Packard.Im September wird Hermes SoftLab darüber hinaus eine Filiale im kalifornischen Silicon Valley eröffnen.In Osteuropa nimmt das Unternehmen an einer Ausschreibung für ein Weltbank-Projekt teil.Für ein ähnliches Projekt in Bosnien-Herzegowina ist Hermes SoftLab ebenfalls im Rennen.Im eigenen Land will das Unternehmen durch die Übernahme anderer Technologiefirmen wachsen.Die Geschäftsführung denkt auch darüber nach, an die Börse zu gehen.Bis es soweit ist, will sich Hermes SoftLab auf seine Kernkompetenz konzentrieren."Gute Arbeit schafft neue Arbeit", sagt Bric."Wenn man Aufträge gut erfüllt, wird es neue geben." JOHN REED

Übersetzt, gekürzt und redigiert von Kristina Greene (Westel), Sigrun Schubert (Hermes SoftLab), Paul Stoop (Rußland) und Karen Wientgen (FIFA).

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben