Wirtschaft : Martha Jecht

Geb. 1896

Ariane Bemmer

Manchmal fragte sie sich, ob der Herr sie wohl vergessen hat. Wenn man sich am Ende des Lebens nicht mehr an viel erinnert, muss das nicht schlecht sein. Wenn man nur noch die Dinge sieht, die man mochte, dann kann man sagen: Meins war ein gutes Leben.

Martha Jecht hat am Ende ihres Lebens am liebsten an ihre Jugend gedacht oder an das, was gerade im Heim passierte. Ihre harte Arbeit als Wäscherin oder ihren Mann, den faulen Hund, hatte sie so gut wie vergessen. Es gibt die Heiratsurkunde von 1925, ein Blatt Papier, handbeschrieben. Fünf Jahre jünger als sie war er und Werkzeugschlosser. Er ist schon lange tot. Sie hatten keine Kinder. Ihre Geschwister sind auch tot. Eine Nichte hat sie, die wohnt weit weg.

Martha Jecht ist schon 102, als sie aus einem Krankenhaus in das Pflegeheim nach Steglitz verlegt wird. Einen Platz im Zweibett-Zimmer bekommt sie, hellgelbe Wände, dritter Stock. Oft sitzt sie am Fenster und guckt auf die Kreuzung unten vor dem Haus. Drei Spuren in jede Richtung, jede Menge Autos, viele Lastwagen, BVG-Busse fahren hier lang, manchmal ist es laut. Auf der Verkehrsinsel stehen zwei Linden und eine Litfaßsäule, auf der anderen Straßenseite ein paar Kastanien. In dem Jahr, in dem Martha Jecht zur Welt kam, baute Henry Ford sein erstes Auto.

Martha Jecht ist freundlich zu allen, und wenn es was zu feiern gibt, feiert sie mit. Dann setzt sie sich zu den anderen in den Gesellschaftsraum und unterhält sich mit. Ihre Stimme ist bis zum Schluss hell und lebendig, eine Zeit lang hat sie geraucht, dünne schwarze Zigarillos, sie hat sich das dann wieder abgewöhnt. Auf den Prosecco verzichtet sie aber nicht. Den lässt sie sich am Ende in der Schnabeltasse servieren. Aber sie bleibt reserviert auf ihre Art, zurückhaltend. Eine beste Freundin hat sie nicht. Sie ist eine Einzelgängerin.

Sie ist die Älteste im Pflegeheim, sie überlebt etliche Zimmergenossinnen. Sie werden nachts hinausgerollt, sie kommen aus dem Krankenhaus nicht wieder. Manchmal fragt Martha Jecht sich, ob der Herr sie wohl vergessen hat. An anderen Tagen nimmt sie sich vor, noch mindestens 110 zu werden.

Das Leben im Pflegeheim ist gemächlich. Die alten Menschen sind schnell erschöpft, nach 20 Uhr hört man hier keinen Mucks mehr. Martha Jecht guckt nicht gerne Fernsehen, sie lässt sich lieber vorlesen. Klatsch und Tratsch aus den bunten Blättern. Sie hat ein Radio neben dem Bett und eine Keksdose, in der sie Süßes sammelt. Je älter sie wird, desto kleiner wird sie auch. Manchmal sieht man die zierliche Frau kaum in ihrem zwei Meter langen Bett.

Für den 108. Geburtstag, der im August gewesen wäre, war ein Ausflug geplant. An den Wannsee vielleicht, wo ihre Eltern mal ein Ausflugslokal hatten. Die „Deutsche Eiche“ an der Königsallee, inzwischen lange abgerissen. Martha Jecht hat da als Kind den Eltern beim Bedienen geholfen. Das ist ihr in Erinnerung geblieben, davon hat sie manchmal erzählt. Von den schwarzen Lackschühchen, den weißen Strümpfen. Von den feinen Kleidern, die die Damen der Gesellschaft damals trugen. An eine kann sie sich erinnern: Cecilie von Mecklenburg-Schwerin, die spätere Kronprinzessin von Preußen, „Witwe wie ich“.

Ihren 108. Geburtstag hat Martha Jecht ihren achten Geburtstag genannt. Sie hat einfach die Uhr zurückgestellt. Und sie hat gesagt: „Ich will es nochmal krachen lassen“. Dann hat sich der Herr aber doch noch an sie erinnert.

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