Wirtschaft : Martin Kohlhaussen im Gespräch: "Deutschland hat Platz für vier Großbanken"

Herr Kohlhaussen[in den zwei Jahren der Regierung]

Martin Kohlhaussen (65) ist Vorstandssprecher der Commerzbank AG. Der Jurist und Bankkaufmann begann seine Karriere 1965 bei der Deutschen Bank. 1974 wechselte er zur Lloyds Bank, 1976 trat er in die WestLB ein, für die er die Filialen in Tokio und New York leitete. 1981 kam Kohlhaussen zur Commerzbank, ein Jahr später rückte er in den Vorstand auf. Seit 1991 ist er Vorstandssprecher. Nachfolger von Kohlhaussen wird im Mai 2001 Klaus-Peter Müller, im Vorstand noch für das International Banking verantwortlich.



Herr Kohlhaussen, in den zwei Jahren der Regierung Schröder sind viele Reformen auf den Weg gebracht worden. Sind Sie zufrieden?

Es gibt Licht und Schatten. In der Finanzpolitik sind die Weichen seit Sommer vergangenen Jahres auf einen guten, wachstumsfördernden Kurs gestellt. Insbesondere die Steuerreform ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Wo hakt es noch?

Bei der Reform der Sozialversicherungen. Die geplanten Maßnahmen bei der gesetzlichen Rentenversicherung und noch mehr bei der Krankenversicherung beschränken sich zum großen Teil auf die Reparatur des bestehenden Systems beziehungsweise das Kurieren von Symptomen. Eine grundlegende Umgestaltung des Systems ist leider nicht zu erkennen. Das Ziel muss eine private, kapitalmarkt-gestützte Altersvorsorge sein. Auch auf dem Arbeitsmarkt wird der falsche Weg beschritten. Anstatt dort die Regulierungsdichte zu verringern, wird sie eher noch erhöht.

Was muss speziell im Kreditgewerbe passieren: Wo sind Hindernisse, die der Gesetzgeber noch zur Seite schieben muss?

Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Deutschland hat der Gesetzgeber in den letzten Jahren viel getan. Das geplante 4. Finanzmarktförderungsgesetz wird weitere Hürden beseitigen. Leider kommt es immer wieder - oft im Kleingedruckten - zu Neuregelungen, die konterkarierend wirken. Beispiele aus der letzten Zeit sind Doppelbesteuerungen bei Wertpapierfonds oder der Versuch, Erträge aus dem Derivategeschäft nicht mehr mit Basisgeschäften verrechnen zu dürfen.

Ein Dauerthema sind die öffentlichen Banken. In Brüssel liegt eine Beschwerde der privaten Banken wegen der Subventionierung von Sparkassen und Landesbanken vor. Wie kann der Konflikt gelöst werden?

Nach jahrzehntelanger Erstarrung ist nun endlich Bewegung in die Diskussion über die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Banken gekommen. Es ist jetzt sehr darauf zu achten, dass die sich abzeichnende Kompromisslösung für mehr Chancengleichheit im Wettbewerb tatsächlich Fortschritte und nicht neue Verzerrungen bringt. Daher ist der gesetzliche Auftrag der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute unbedingt zu präzisieren. Nur dann wird er abgrenzbar und nachprüfbar. Die Privatisierung wenigstens des Wettbewerbsbereichs darf keine reine Rechtsform- und damit Scheinprivatisierung sein, sondern muss eine tatsächliche, materielle Aufgabenprivatisierung sein.

Zweimal sind in diesem Jahr Bankenfusionen gescheitert. Auch aus dem Zusammenschluss der Börsen in Frankfurt und London ist nichts geworden. Was ist falsch gelaufen?

Im Grunde ist wenig falsch gelaufen. Die Beteiligten haben ihre Pflicht erfüllt und ernsthaft - sogar im Lichte der Öffentlichkeit - alle Möglichkeiten sorgfältig ausgelotet. Sie haben aber in allen Fällen feststellen müssen, dass Vollfusionen zwischen Großbanken in Deutschland extrem komplex sind. Dies gilt wohl in noch stärkerem Maße für den Versuch der grenzüberschreitenden Fusion zweier Börsen. Außerdem zeigt sich nach einer sorgfältigen Analyse aller Daten und Fakten oft, dass der mögliche Nutzen die Risiken nicht aufwiegen kann. Schließlich mussten gerade die Vorstände der Großbanken feststellen, dass sie gegen die starren Strukturen in der deutschen Kreditwirtschaft nicht viel ausrichten können. Hier handelt es sich um ein politisches Problem.

Ist die Reform- und Anpassungsfähigkeit der Banken selbst wirklich groß genug?

Ganz zweifellos, auch wenn gerne und manchmal voreilig etwas anderes behauptet wird. Gerade die Wettbewerbsverzerrungen in unserem Bankensystem zwingen die Großbanken zur permanenten Reformfähigkeit, wenn sie bestehen wollen. Die jetzt von der Commerzbank eingeleitete neue Organisationsstruktur mit einem noch schärferen Fokus auf Kundenorientierung und wachstumsstarke Kernkompetenzen ist ein Beispiel dafür, dass die Banken hierzulande sehr wohl zu angemessenen Reaktionen fähig sind.

Waren die in diesem Jahr gescheiterten Fusionen nicht auch ein Rückschlag für den Finanzplatz Frankfurt?

Das glaube ich nicht. Auch anderenorts kommt es oft nicht zu den geplanten Zusammenschlüssen. Außerdem ist eine Fusion doch nicht per se etwas Erstrebenswertes. Die Erfahrung zeigt ja vielmehr gerade, dass Unternehmen ohne Fusion oft besser gefahren wären, oder dass zumindest die hohen angestrebten Ziele verfehlt werden. Im übrigen bleibe ich dabei: Integrierte und fokussierte Finanzkonzerne, wie sie die deutschen Großbanken heute darstellen, haben auch ohne Fusion gute Chancen im internationalen Wettbewerb. Und wenn es in vielen kleineren Ländern Platz für eine ganze Reihe großer Banken gibt, dann wird doch auch in Deutschland der Markt groß genug sein für vier private Großbanken. Es ist ein fataler Irrglaube, eine Fusion würde alle Fragen und Probleme einfach in Luft auflösen.

Dank Telekom und Neuem Markt hat die Aktienkultur in Deutschland einen nachhaltigen Aufschwung erlebt. Ist dies auch ein Zeichen für die Reformfähigkeit des Landes?

Die "neue" Aktienkultur ist ein klares und positives Beispiel dafür, dass Deutschland nicht die lahme Ente ist, als die wir sie gerne selbst darstellen. Mit inzwischen zwölf Millionen privaten Aktionären gehören wir zu den großen Aktionärsnationen, obwohl unser Kapitalmarkt historisch bedingt lange Zeit kaum eine Rolle spielte.

Haben sich die Banken angesichts der vielen Enttäuschungen am Neuen Markt immer richtig verhalten?

Die Vorstellung: Erfolg hat viele Väter, Misserfolg nur einen, nämlich die Banken, ist mir zu billig. Richtig ist wohl, dass im Überschwang des Erfolgs das eine oder andere Unternehmen an die Börse geführt wurde, das dort nichts zu suchen hat. Aber wie man am Kursverfall auch der Topadressen der New Economy sieht, liegt das Problem aller Wachstumsmärkte - beileibe nicht nur unseres Neuen Marktes - in der Überschätzung des Wachstums- und Ertragspotenzials dieser Unternehmen. Außerdem sind die Preise im Frühjahr auf völlig unrealistische Höhen getrieben worden. Ich bin aber überzeugt, dass Land in Sicht kommt, wenn der Markt erst wieder den Nutzen von Unternehmensgewinnen erkennen und schätzen lernt. Korrekturen und eine Neubesinnung sind im übrigen von Zeit zu Zeit durchaus hilfreich.

Was muss noch passieren, um die Aktienkultur in Deutschland zu fördern?

In den vergangenen Jahren ist eine Menge zugunsten der Aktie getan worden. Im Rahmen der verstärkten finanziellen Privatvorsorge für das Alter wird die Aktie einen weiteren Schub erfahren. Eine weitere gezielte Förderung ist insofern nicht erforderlich. Wir haben vielmehr alle daran zu arbeiten, dass die Aktie wieder stärker als ideale Langfristanlage "entdeckt" wird und nicht nur kurzfristige Überlegungen das Geschehen bestimmen.

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