Maschinen : Ohne Zweifel schneller

Maschinen helfen bei der Geldanlage oder handeln automatisch mit Aktien – das geht nicht immer gut. Schneller sind sie aber in jedem Fall.

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Berlin - Der 6. Mai war ein schlechter Tag in der Beziehung zwischen Mensch und Computer. An der Börse in New York stürzte der Leitindex Dow Jones binnen weniger Minuten um fast eintausend Punkte in die Tiefe. Warum, weiß bis heute niemand so genau. Es war kein Krieg ausgebrochen an diesem Tag, keine Ölbohrinsel explodiert, noch nicht einmal eine Immobilienblase war geplatzt.

Ein Tippfehler, hieß es später, soll den historischen Crash ausgelöst haben. Wie bitte? Nur weil ein Unglücksrabe an irgendeiner Stelle ein oder zwei Nullen zu viel eingibt, gerät die altehrwürdige New York Stock Exchange ins Wanken? Vielleicht, so gingen die Spekulationen weiter, hätten Menschen den Irrtum schnell bemerkt und einfach weiter gehandelt wie bisher. Nur dass an der Börse längst nicht mehr nur Menschen handeln. Es sind Computer, die kaufen und verkaufen. Und Computer zweifeln nicht. Sie lesen Zahlen.

Ohne Computer ist die Finanzwelt nicht mehr vorstellbar. Die Rechenmaschinen übernehmen Aufgaben, die für das menschliche Gehirn zu komplex sind. Dass Computer dem Menschen überall Entscheidungen abnehmen, zeigt ein Besuch von Maria Mustermann in einer Berliner Filiale der Commerzbank. Sie will wissen, wie sie ihr Geld anlegen soll, damit sie im Alter gut versorgt ist. Dafür muss ihr Berater den Rechner anschalten. Er tippt die Angaben von Frau Mustermann in ein Programm ein. Sie ist 40 Jahre alt, ledig, ohne Kinder, verdient 3000 Euro netto, besitzt ein Vermögen von 90 000 Euro und ist gut versichert. Ihre Risikoneigung bezeichnet sie als „konservativ“. Mit einem Klick spuckt der Computer eine Anlagestrategie für Frau Mustermann aus. Den Großteil ihres Geldes soll sie in Rentenpapiere stecken, für ein paar Prozent Aktien kaufen, ein paar Immobilien und den Rest auf einem Tagesgeldkonto parken. Für jede Gruppe schlägt das Programm drei Produkte vor, zwischen denen sich Frau Mustermann entscheiden kann.

Es gibt heute so viele Aktien, Zertifikate und Anleihen, dass ein einzelner Berater unmöglich den Überblick behalten kann. Die Spezialisten der Bank in Frankfurt am Main speisen ihr Wissen über Unternehmen, Märkte und Risiken in das System ein, das es dann mit dem vergleicht, was es über Frau Mustermann weiß. Das Ganze dauert ein, zwei Stunden, dann ist eine nicht unerhebliche Lebensentscheidung reduziert auf ein paar Zahlen.

Raimond Maurer, Professor an der Universität Frankfurt am Main, glaubt, dass die optimale Geldanlage von Menschen allein nicht zu leisten ist. „Jeder Fondsmanager braucht einen Computer, um Risiken einschätzen zu können. Das kann man nicht im Kopf machen“, sagt er. Ein schweres Erdbeben in China kann einen Kursrutsch in Paris auslösen, das indische Wirtschaftswachstum bewegt die Aktienkurse deutscher Maschinenbauer. Eine Software kann alle Zusammenhänge auf einmal erfassen. Der größte Vorteil der Computer, sagt Maurer, sei ihre stoische Disziplin. Sie handeln streng nach den ihnen vorgegeben Regeln, an schlechten Tagen verfallen sie nicht in Panik, an guten werden sie nicht übermütig.

„Wenn ich jedem meiner Kollegen erlauben würde, seine persönlichen Empfehlungen einzubringen, würde das nicht funktionieren“, sagt Olaf Jäger-Roschko, Bereichsleiter bei Comdirect. Die Direktbank, eine Tochter der Commerzbank, bietet jetzt auch Anlageberatung auf Honorarbasis an. Die Papiere, die sie empfiehlt, sucht ein Computer aus. Er setzt auf sogenannte Trendfolgen. Dabei werden die Kurse von Aktien oder Rohstoffen über Jahre analysiert. Findet der Computer im aktuellen Kursverlauf ein Indiz für einen Aufwärtstrend, gibt er ein Kaufsignal. Umgekehrt blinkt ein Warnlicht auf. Ob Angela Merkel beschließt, den Euro zu retten, oder die Arbeitslosenquote in den USA steigt, ist dem Computer herzlich egal. „Man sollte als Privatanleger nicht die Illusion haben, dass man auf Nachrichten schnell genug reagieren kann“, sagt Jäger-Roschko.

Während bei der langfristigen Geldanlage Menschen die letzte Entscheidung treffen, überlassen manche Hedgefonds oder Investmentbanker ihren Computern den Handel inzwischen ganz. High-Frequency-Trader verdienen an kleinsten Kursbewegungen. Wenn die Händler an der Londoner Börse zum Beispiel ein paar Cent mehr für den Euro bezahlen als die Frankfurter, kaufen sie hier große Mengen ein, um sie dort wieder zu verkaufen. Am meisten gewinnt der Schnellste. Und niemand ist so schnell wie ein Computer. Algo-Trading heißt der vollautomatisierte Handel. Die Software ist mit mathematischen Algorithmen programmiert, die auf definierte Signale reagieren und Orders herausgeben. Um keine Millisekunde zu verlieren, stellen die Händler ihre Rechner direkt neben der Börse auf.

Experten schätzen, dass bis zu 70 Prozent des amerikanischen Aktienhandels zwischen von Computern abgewickelt werden. Sie tun nichts, was Menschen nicht auch tun würden. „Computer helfen den Händlern, schneller zu werden, sie treffen aber keine eigenständigen Entscheidungen“, sagt Peter Gomber, Vorstand beim E-Finance Lab der Universität Frankfurt. „Es ist ja ein Händler, der die Strategie der Software definiert.“ Problematisch wird es, wenn die rationalen Computer auf irrationale Ereignisse treffen, wie den Fehler vom 6. Mai, den viele Algorithmen als Verkaufssignal verstanden haben. Schuld seien nicht die Maschinen, sagt Gomber. Die Kontrollinstrumente müssten schneller werden. Die New Yorker Börse hat am Freitag verkündet, dass der Handel mit bestimmten Aktien künftig gestoppt wird, wenn ihr Wert innerhalb von fünf Minuten um mehr als zehn Prozent fällt.

Ist der Computer der bessere Anleger? Raimund Maurer glaubt nicht daran. „Wirtschaftliches Handeln ist immer geprägt durch das Verhalten von Menschen. Und das kann auch die beste Software nie hundertprozentig prognostizieren.“

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