Maschinenbau-Präsident Lindner : "Ohne China stagniert die Welt"

Seit rund einem Jahr ist Thomas Lindner Präsident des deutschen Maschinenbauverbands VDMA. Mit dem Tagesspiegel spricht er über Globalisierung, Stricknadeln und den Nachwuchs.

Seit 15 Jahren führt Thomas Lindner die Geschäfte beim schwäbischen Nadelhersteller Groz-Beckert.
Seit 15 Jahren führt Thomas Lindner die Geschäfte beim schwäbischen Nadelhersteller Groz-Beckert.Foto: Thilo Rückeis

Herr Lindner, der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus sprach vor knapp einem Jahr beim Besuch Ihres Unternehmens vom „schwäbischen Arbeitsadel“. Was ist das?

Ich weiß, was Arbeitsethos ist: Fleißige, motivierte und selbstbewusste Leute, die unbedingt Qualität liefern wollen. Ohne diese Mitarbeiter funktionieren die Unternehmen nicht.

Das gilt nicht nur für die Schwaben.

Und nicht nur für deutsche Firmen. Die Absatzschwerpunkte von vielen Maschinenbauern haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch verschoben, und entsprechend gibt es viel mehr Produktionsstandorte im Ausland, die aber auch den Ansprüchen unserer Kunden genügen müssen. Mitte der 80er Jahre hatte zum Beispiel Groz-Beckert zwei Produktionswerke außerhalb Deutschlands, heute gibt es allein in Asien schon drei Standorte.

Kürzlich haben Sie ein Werk in Vietnam eröffnet. Wie groß ist der Aufwand, um dort schwäbische Qualität zu erreichen?

Wir gehen in die Provinz, wo möglichst kein anderes europäisches Unternehmen ist und wir genügend Arbeitskräfte bekommen. Dann investieren wir in Qualität, zunächst in Gebäude. Das Werk in Vietnam könnte genauso gut in Deutschland stehen und ist vom Fabriklayout und vom Energiemanagement wahrscheinlich unser modernstes. Wir bauen eine Kantine, einen Sportplatz und eine schwäbische Reihenhaussiedlung für unsere deutschen Mitarbeiter vor Ort, damit die sich wohl fühlen.

Und die einheimischen Arbeitskräfte?

Wir holen 18- oder 20-jährige junge Leute, die schon ein bisschen Mechanik gelernt haben, und schulen die in einem Trainingscenter. Bislang waren das knapp 200 Vietnamesen. Die besonders Fähigen werden intensiver geschult und können dann Maschinen nicht nur bedienen, sondern auch einstellen. Und so entwickelt sich im Laufe von fünf oder zehn Jahren ein Stamm von Leuten, die ich auch in Deutschland einsetzen könnte.

Dann schließen hier irgendwann die Vietnamesen unsere Fachkräftelücke?

Wohl kaum, unsere Probleme hier müssen wir schon selbst lösen. Der Bedarf an qualifizierten Leuten ist hoch, auch weil jeder Arbeitsplatz, den man im Ausland aufbaut, zu Arbeitsplätzen im Inland führt. Bei uns laufen zum Beispiel die Werkzeuge für alle Standorte über das Zentralwerk.

Vor einem Jahr haben Sie am Stammsitz ein 70 Millionen Euro teures Technologiezentrum eröffnet. Ist die Nadel nicht bald am Ende der Entwicklung angekommen?

Keineswegs, auch wenn das Ende schon manchmal vorausgesagt wurde. Vor gut 20 Jahren wurde zum Beispiel ein Patent angemeldet, um anstatt mit der Nadel mit Luft zu stricken. Mit einer Luftdüse wurde eine Biegung gemacht und ein anderer Faden da reingeblasen. Wir haben dann eine Luftstrickmaschine gebaut und festgestellt, dass die Produktion der Druckluft dreimal teurer war als die Nadel. Kurzum: Die Nadel entwickelt sich permanent weiter. Auf absehbare Zeit wird die Welt noch Nadeln brauchen.

Was ist das Besondere an Ihren Nadeln?

Zum Beispiel Zuverlässigkeit: Nicht nur eine gute Nadel machen, sondern hunderte von Millionen. Und das über Jahrzehnte. In einer Großrundstrickmaschine sind sechs- bis siebentausend Nadeln. Wenn nur eine davon nicht in Ordnung ist, dann sieht man das später am Stoff. Häufig erst nach dem Einfärben, am Ende des Produktionsprozesses. Das heißt, der Schaden ist maximal. Deshalb ist eine konstante Nadelqualität enorm wichtig. Hinzu kommt die Verfügbarkeit. Wir haben ein großes Lager und können innerhalb von 36 Stunden fast das komplette Sortiment von gut 10 000 Produkten in alle Welt liefern.

Wie nehmen Sie als globaler Unternehmer die aktuelle Krise in den USA und Europa wahr, ist eine Rezession möglich?

Die Textilindustrie ist sicherlich nicht so stark abhängig von dem Geschehen auf den Finanzmärkten. Ein Stricker in China interessiert sich nicht für Budgetdefizite in den USA oder Griechenland oder den Wechselkurs von Dollar und Euro. Der sitzt Tag und Nacht in seiner Fabrik und arbeitet Aufträge ab.

Sie haben also keine Angst vor einer Krise?

Nein, von der Konsumseite sehe ich keinen Einbruch. China und Asien laufen stabil und die USA auch noch. Für den gesamten Maschinenbau gibt es derzeit keine Hinweise auf besondere Ausschläge, vor allem wegen der Dynamik in Asien.

Sind wir nicht zu abhängig von China?

Der Bedarf an Textilien in Asien steigt deutlich. Im Moment schätzt man die konsumfähige Mittelklasse in China auf etwa 140 Millionen Menschen. Mit stark wachsender Tendenz. Eine Verdreifachung des Textilabsatzes bis 2020 in China ist wahrscheinlich. Ohne China hat die Welt, auch die textile Welt, stagniert. Das ist vorbei.

Sie fordern von den Firmen eine Asienstrategie und bieten selbst im Unternehmen Chinesischkurse an – mit Erfolg?

Es geht um eine Ergänzung unserer Westorientierung durch eine Ostorientierung. Wir versuchen, junge Leute kulturell zu öffnen und neugierig zu machen. Sie sollten ein sprachliches Rüstzeug haben, um vielleicht einmal durch China reisen zu können. Die Mitarbeiter, die bei uns etwas Chinesisch lernen, können dort Schriftzeichen an der Straße lesen und sich im Lokal etwas bestellen.

Und der Chef selbst?

Ich habe es versucht, aber ich fürchte, zu Meisterehren werde ich es nicht mehr bringen.

Sie haben die ganz Kleinen im Auge und wollen bereits im Kindergarten technisches Verständnis fördern. Haben die Kinder nicht schon genug Druck?

Das Thema Überforderung von Kindern wird dramatisiert. Ich will ja nicht frühkindlich irgendwelche Kader produzieren, sondern das Potenzial ausschöpfen, was Kinder im Alter von zwei Jahren schon haben. Mit Spaß lernen. Grundsätzlich versuchen wir als VDMA, ein Bewusstsein zu schaffen für bestimmte Notwendigkeiten. Der Maschinenbau ist ja von qualifizierten Mitarbeitern noch viel abhängiger als andere Branchen.

Also die Zweijährigen so präparieren, damit sie 2035 als Ingenieure einsetzbar sind.

Wenn ich Technikaffinität schaffen will, dann muss ich früh ansetzen, über die Erziehung. Eigentlich müssten wir den Mädchen die Eisenbahn schenken und den Jungs die Puppe – aber wir pflegen eben auch tradierte Rollen und Muster. Als Branche und Volkswirtschaft leben wir davon, dass Technik einen positiven Stellenwert hat. Wohlstand und Lebensqualität basieren ja vor allem auf Technik und weniger auf den Geisteswissenschaften.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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