Maschinenbauer aus Berlin : Der chinesische Traum

Carsten Paeslack wollte in den Westen. Stattdessen baute er in Schanghai einen DDR-Betrieb wieder auf.

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Die Konkurrenz gab ihm keine zwei Jahre. Heute produziert Carsten Paeslack mit über 450 Mitarbeitern etwa 5000 Maschinen im Jahr.
Die Konkurrenz gab ihm keine zwei Jahre. Heute produziert Carsten Paeslack mit über 450 Mitarbeitern etwa 5000 Maschinen im Jahr.Foto: Frank Hollmann

Songjiang, eine Autostunde von Schanghai entfernt. Vor 20 Jahren, zu Beginn des chinesischen Wirtschaftswunders, wateten hier noch Wasserbüffel durch die Reisfelder. Heute braust die Hochgeschwindigkeitseisenbahn über eine auf Stelzen in schwindelerregender Höhe gebaute Trasse. Auf den einstigen Äckern reiht sich Halle an Halle, fast alle mit blauem Wellblech bedeckt. Schon im Anflug auf Schanghai ist die Werkbank der Welt auszumachen.

Als Carsten Paeslack hier 1998 startete, lachten seine Konkurrenten in Deutschland ihn aus. Kurz zuvor hatte Paeslack die Zerma übernommen, einen volkseigenen Betrieb aus dem sächsischen Radebeul, 9000 Kilometer von Schanghai. Die Zerma machte Zerkleinerungsmaschinen. Extrem robuste Maschinen seien das gewesen, vielfältig einsetzbar, erinnert sich Paeslack, ein Berliner, aus dem Ostteil. Im wiedervereinigten Deutschland aber war die Ostmarke unbekannt und damit nichts wert. Westdeutsche Platzhirsche beherrschten den Markt. In der Verlagerung sah Paeslack den einzigen Ausweg: Günstig produzieren in China und den Markt über den Preis aufrollen.

Paeslack startete mit zwei Kollegen aus Radebeul und drei chinesischen Angestellten. Die erste Maschine made in China brachte er noch im Handgepäck nach Deutschland. Keine zwei Jahre hätte ihm die spottende Konkurrenz damals gegeben, sagt er. Heute hat Zerma Niederlassungen in den USA, Mexiko, England, Thailand – und in Deutschland, im badenwürttembergischen Zuzenhausen. Hier findet vor allem der Vertrieb statt. Im Werk in Schanghai arbeiten inzwischen 450 Menschen, darunter auch einige deutsche Ingenieure und Paeslacks Sohn Max aus erster Ehe, und produzieren 5000 Maschinen im Jahr.

Kein Wettbewerber habe heute solch ein Sortiment, erklärt Paeslack. Die Branche boomt. Alles, was recycelt werden soll, muss vorher zerkleinert werden, vom Autoreifen bis zur Pipeline. In Paeslacks Parademaschine von der Größe eines LKW werden bis zur sechs Meter lange mannshohe Rohre am Stück geschreddert, ohne dass sie vorher in Einzelteile aufgeschweißt werden müssen.

Ein solches Know-how lockt die Konkurrenz. Zerma-Maschinen werden kräftig kopiert, nicht nur in China, auch von Europäern und Amerikanern. Dagegen hilft nur Ingenieurskunst, sagt Paeslack. Bevor die Kopie auf den Markt kommt, muss Zerma schon das ausgereiftere Nachfolgemodell präsentieren. Zudem lässt Paeslack fast alles in Eigenregie fertigen. Zu Beginn musste er die Erfahrung machen, dass seine Zulieferer mit den Bauplänen direkt zur Konkurrenz liefen.

Paeslack hat im fernen Osten sein Glück gefunden, dabei wollte er einst nur in den Westen. Gemeinsam mit seiner ersten Frau schrieb der damals 22-Jährige Briefe an bundesdeutsche Behörden. Landesverräterische Agententätigkeit, urteilte die DDR-Justiz. Nach 19 Monaten wurde das Paar abgeschoben. Paeslack studierte Maschinenbau und begann mit dem Handel gebrauchter Recyclingmaschinen. Bis die Zerma anklopfte. Im Jahre 1941 noch als privatwirtschaftliche Firma gegründet, musste der volkseigene Betrieb in den 90er Jahren Konkurs anmelden.

Es gefalle ihm in Asien, sagt Paeslack heute. Genau wie sein Sohn ist er mit einer Chinesin verheiratet. Seine größte Leidenschaft aber seien Autos, sagt er und führt den Besucher ins hinterste Eck des Zerma-Areals. In einer komplett eingerichteten Werkstatt schrauben und schweißen zwei chinesische Mechaniker an der nackten Karosserie eines gerade in Kalifornien erstandenen Porsche Speedster Baujahr 1957.

Auf Schanghais notorisch verstopften Straßen wird der wahrscheinlich nie rollen, aber zum Glück liegt Chinas Formel-1-Strecke nicht weit entfernt. Autonarr Paeslack lacht voller Vorfreude: „Da bin ich doch ganz Deutscher.“

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