Maschinenbauer JLG : Mit "Bombendrohung" zur höheren Abfindung

Beschäftigte des Maschinenbauers JLG in Frankreich griffen zu drastischen Mitteln, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Hans-Hagen Bremer

ParisZum Schluss half nur noch eine Drohung mit dem Schlimmsten. Drei Wochen lang streikten die Beschäftigten des Maschinenbauers JLG, eines Tochterunternehmens des amerikanischen Konzerns Oshkosh, in Südwestfrankreich, um höhere Abfindungen zu erreichen. 53 der 163 Arbeitsplätze sollen in dem Unternehmen wegfallen. 30 000 Euro statt der angebotenen 16 000 Euro forderten die Beschäftigten für jeden fortfallenden Arbeitsplatz. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, griffen sie am Mittwoch zu einem radikalen Mittel. Sie stellten Gasflaschen neben fünf neue, zur Auslieferung bereitstehende Hebebühnen und drohten damit, die ganze Fabrik in die Luft zu sprengen. Nur einen Tag später kam es zu neuen Verhandlungen mit der Geschäftsleitung, nachdem die Beschäftigten zuvor die Gasflaschen weggeschafft hatten.

Am Freitagmorgen hatten sie ihr Ziel erreicht: 30 000 Euro soll jetzt jeder vom Stellenabbau betroffene Betriebsangehörige erhalten.

Dass die Gasflaschen leer waren, wie die Gendarmerie berichtete, die dramatische Drohung also nur ein Bluff war, ändert nichts an der besorgniserregenden Zuspitzung des Konflikts. „Es ist schade, dass wir erst zu diesem Mittel greifen mussten, um ein Ergebnis zu erreichen, das mit ein bisschen guten Willen auch anders möglich gewesen wäre“, sagte Christian Amado, der Sekretär des Betriebskomitees.

Dabei haben die JLG-Beschäftigten mehr Glück gehabt als bisher ihre Kollegen in zwei anderen französischen Unternehmen, in denen bereits Anfang der Woche Gasflaschen als radikales Mittel sozialer Auseinandersetzung auf die Dächer von Fabrikgebäuden gehievt worden waren. Beim Maschinenbauer JLG verfügten die Arbeiter wenigstens noch über die Betriebsleitung als Gesprächspartner. Das ist sowohl bei New Fabris, einem Autozulieferer in Westfrankreich, wo die Beschäftigten eine Aufbesserung des Sozialplans um 30 000 Euro pro Person fordern, als auch bei Nortel, einem Telefonausrüster bei Paris, wo es um je 100 000 Euro Abfindung geht, nicht mehr der Fall. Bei beiden Unternehmen haben vom Gericht bestellte Insolvenzverwalter das Sagen. Und die haben für die Forderungen kein Ohr. Gespräche, die Abordnungen der Beschäftigten von New Fabris mit dem Autohersteller Renault und der von Nortel mit Industrieminister Christian Estrosi führten, blieben ohne Ergebnis. Die Gasflaschen wurden inzwischen fortgeräumt. Der Industrieminister will keine neuen Gespräche führen, die von Drohungen begleitet werden.

Nach Betriebsbesetzungen, Geiselnahmen von Managern („Bosnapping“) und Verwüstungen öffentlicher Gebäude werden die sozialen Konflikte nun in Frankreich mit noch größerer Radikalität ausgetragen. Ganz so neu ist diese „Bombenstrategie“ zur Durchsetzung höherer Abfindungszahlungen freilich nicht. So hatten im Juni 2000 Arbeiter der Weberei Cellatex in Ostfrankreich gedroht, ihre Fabrik in die Luft zu sprengen. Um zu zeigen, dass sie es ernst meinten, kippten sie 5000 Liter Schwefelsäure in die Maas. Im Jahr darauf setzten die Beschäftigten des Haushaltsgeräteherstellers Moulinex die Explosionsdrohung ein. Zwei Jahre später kippten Arbeiter des Chemieunternehmens Metaleurop in Nordfrankreich giftige Lösungen in einen Kanal. Neu ist allerdings derzeit die Häufung solcher Fälle innerhalb weniger Tage.

Die Regierung steht der Radikalisierung hilflos gegenüber. Er könne die Wut verstehen, sagte Arbeitsminister Xavier Darcos und verband dies mit der Mahnung, dass „Gewalt von Desperados“ nicht hinnehmbar sei. Die Gewerkschaften sind zu schwach, um den Zorn zu kanalisieren. Zwar sehen sie es mit Genugtuung, dass die Beschäftigten von Continental, die im April die Unterpräfektur von Compiègne demolierten, jetzt Abfindungen von je 50 000 Euro erhalten werden. Aber die Sorge ist groß, dass die Gasflaschen beim nächsten Mal nicht leer sein könnten. 

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