Wirtschaft : Masqnq

Masjanja

Jens Mühling

Ist es ein Insekt? Ist es ein Mädchen? Nein - es ist „Masjanja“. Welcher Spezies die Comicfigur aus dem russischen Internet angehört, weiß wohl nicht einmal ihr Schöpfer Oleg Kuwajew so genau. Ginge man nach dem Namen, der sich an das russische Wort „marsjanin“ anlehnt, dann wäre das Wesen mit der gequetschten Leierstimme eine Art weiblicher Marsmensch. Gegen eine Außerirdische spricht jedoch, dass sich Masjanja eher durch ein Übermaß an Erdverbundenheit auszeichnet: In den klobig animierten Zwei- bis Drei-Minuten-Clips, die Kuwajew im Internet unter www.mult.ru veröffentlicht, kämpft die fluchende Petersburger Göre mit den Tücken des postsowjetischen Alltags. (Leider ist die Website für deutsche Internet-User nicht immer abrufbar).

Eine Art Russland-Porträt von unten hat Kuwajew mit Masjanja erschaffen, eine subversive Fußnote zu den neuen Imagevorgaben des Kreml. Denn wo Präsident Wladimir Ý Putin aus sowjetisch-zaristischen Versatzstücken ein neues Bild imperialer Größe zu konstruieren versucht, zeigt Masjanja das real existierende Paralleluniversum verdreckter Vorstadtstraßen, verwanzter Kommunalka-Wohnungen und verwirkter Lebensläufe.

Kaum ein Ort eignet sich für solche Momentaufnahmen zurzeit so gut wie Masjanjas (und Putins) Heimatstadt Ý Sankt Petersburg. Als dort im Frühjahr die innerstädtischen Fassaden für das 300-jährige Jubiläum herausgeputzt wurden, präsentierte Masjanja im Internet einer ausländischen Reisegruppe die versteckten Sehenswürdigkeiten der Stadt: „Zu Ihrer Rechten bezaubernde Kanäle. Beachten Sie besonders die sanft im Wasser schaukelnden Spritzen und Kondome. Zu Ihrer Linken die Peter-und-Pauls-Festung mit pittoresk drumrum gruppierten Pennern, Alkoholikern und Nutten.“ Dafür gab es prompt Ärger mit der Stadtverwaltung. Schon zuvor waren Kuwajews Internet-Clips in die Kritik geraten, weil dort angeblich Drogenkonsum propagiert werde.

Masjanjas Popularität hat schon auf ihren Schöpfer abgefärbt: Oleg Kuwajew darf seine neuen Clips zuweilen persönlich im Fernsehen präsentieren. Vielen Russen ist eine Marslandschaft mit Wiedererkennungseffekt eben lieber als ein sauerstoffarmer Planet Putin.

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