Wirtschaft : Massenflucht in die privaten Kassen

Die Regierung will den Wechsel erschweren - Aber wer jetzt umsteigt, zahlt womöglich später drauf

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Von Cordula Eubel und

Heike Jahberg

Eigentlich müssten die privaten Krankenkassen mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zufrieden sein. Ihr verdanken sie schließlich neue Mitglieder. Mit der Ankündigung, sie wolle künftig den Wechsel von der gesetzlichen in die private Kasse erschweren, löste die Ministerin eine kleine Wanderbewegung aus. Die private Krankenversicherung (PKV) (siehe Lexikon) gewinnt seit Monaten neue Versicherte dazu. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres verlor die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) nach eigenen Berechnungen mehr als 300 000 Menschen an die private Konkurrenz.

Dabei wollte die Gesundheitsministerin eigentlich genau das Gegenteil erreichen – nämlich junge, gut verdienende Versicherte bei AOK, Barmer & Co halten. Denn denen gehen Einnahmen in Milliardenhöhe verloren, wenn sie zu viele Mitglieder verlieren. Mit dem Anheben der so genannten Friedensgrenze will Schmidt das Überleben der GKV sichern. Bei ihrer nächsten Gesundheitsreform will sie die Versicherungspflichtgrenze von derzeit 3375 auf 4500 Euro anheben. Diese Grenze legt fest, ab welchem Einkommen jemand in eine private Kasse wechseln kann.

Doch nicht jeder, der jetzt noch in die PKV gehen könnte, ist dort auch wirklich gut aufgehoben. Verbraucherschützer warnen vor allem ältere Arbeitnehmer und Familien vor einem Einstieg bei den Privaten (siehe Interview). Der Wechsel könne „sehr schnell sehr teuer werden“, warnt auch die Ministerin. Sie spielt damit auf die deutlichen Beitragserhöhungen an, die private Kassen durch die Blume für das kommende Jahr bereits angekündigt haben. So erwartet der Chef des Marktführers Deutsche Krankenversicherung (DKV), Jan Boetius, dass die Unternehmen ihre Beiträge anpassen müssen, zum Teil sogar „deutlich zweistellig“. Für die eigene Kasse prognostiziert er allerdings Anhebungen unter dem Branchendurchschnitt. Bei der DKV stiegen die Beiträge in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich zwei Prozent pro Jahr.

Mehrere Faktoren beeinflussen die Finanzsituation der privaten Krankenversicherungen: die Lebenserwartung der Mitglieder, die Ausgaben für Arztbehandlungen und Arzneimittel, die Zahl der Stornierungen sowie die Verzinsung der Kapitalanlagen. Wegen der Abhängigkeit von den Kapitalmärkten gerieten die privaten Versicherungsunternehmen in den vergangenen Wochen ins Gerede. Während die GKV nach dem solidarisch finanzierten Umlagesystem funktioniert – ähnlich wie die gesetzliche Rentenversicherung –, bildet die PKV Rücklagen. An den Versicherern ging deshalb die Talfahrt der Börsen nicht spurlos vorbei.

Sollte eine private Krankenversicherung pleite gehen, so hätte das nach Ansicht der Stiftung Warentest insbesondere für ältere Versicherte fatale Folgen: Wer bereits an bestimmten Krankheiten leidet, stünde dann ohne Versicherungsschutz da, weil keine andere Gesellschaft ihn annehmen würde. Bislang hat es jedoch noch keinen Konkurs gegeben. Und im Gegensatz zu den Lebensversicherern drohe auch keine finanzielle Schieflage, versichert Klaus Dietz, Geschäftsführer des Verbands der Privaten Krankenkassen. „Es gibt kein Unternehmen, das in seiner Existenz bedroht ist.“ Zwar hat der Verband vorsichtshalber eine Arbeitsgruppe eingerichtet, doch die hat noch nie getagt.

Dass eine Gesellschaft wegen sinkender Aktienerlöse ihre Verträge nicht erfüllen könne, ist nach Angaben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) nicht zu befürchten. Denn anders als die Lebensversicherer zahlen die privaten Kassen einen großen Teil der Beitragseinnahmen direkt wieder aus, um die Behandlungskosten der Versicherten zu bezahlen und legen nur einen geringen Teil am Kapitalmarkt an. Außerdem investieren sie überwiegend in festverzinsliche Anlageformen. Eines dürfen die privaten Krankenversicherungen aber auf keinen Fall: mit der Börsenflaute Beitragserhöhungen rechtfertigen. Nur wenn die tatsächlichen Ausgaben für die Krankenbehandlungen um mindestens fünf Prozent steigen, erlaubt der Gesetzgeber höhere Beitragssätze.

Wer sich für den Einstieg in die private Krankenversicherung entscheidet, trifft eine Entscheidung fürs Leben. Denn ein Zurück in die gesetzliche Kasse gibt es oft nicht. Nur in Ausnahmefällen können privat Versicherte umsteigen, wenn ihnen der private Krankenversicherer zu teuer wird: Wer seine Arbeitszeit reduziert und deshalb weniger verdient oder den Arbeitgeber wechselt und im neuen Job weniger als 3375 Euro im Monat bekommt, kann wieder Kassenpatient werden. Wechselchancen eröffnet auch die geplante Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze. Wer unter die neue Grenze rutscht, aber die alte Friedensgrenze überspringt, hat das Recht zu wählen, ob er in der PKV bleiben oder in die GKV zurückwechseln will. Gerade Familien, die mit der Familienversicherung in der GKV besser fahren, dürften in die gesetzlichen Kassen zurück gehen, vermutet man beim PKV-Verband. Zurück in die GKV dürfen auch Empfänger von Arbeitslosengeld und -hilfe. Selbstständige sind dagegen selbst dann an die PKV gebunden, wenn sie ihr Geschäft aufgeben. Auch für ältere Arbeitnehmer gibt es kein Zurück mehr. Nach dem 55. Lebensjahr ist ein Wechsel von der PKV in die gesetzliche Krankenversicherung ausgeschlossen.

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