Wirtschaft : "Massive Preissenkungen wird es nicht mehr geben"

Nur im Ortsnetz können Verbraucher mit sinkenden Telefongebühren rechnen / Wachstum im Internet / Otelo als Privatkundenmarke profilieren Herr Stöber, wird telefonieren in Deutschland noch billiger? Bei den Ferngesprächen werden keine massiven Preisrutsche mehr stattfinden. Wenn wir aber endlich den direkten Zugang zum Kunden haben, dann können Sie mit Preissenkungen im Ortsbereich rechnen. Und die Tarife werden differenzierter: Wir arbeiten an maßgeschneiderten Angeboten für Viel- und Wenigtelefonierer, für Firmen und Privatleute. Sie haben 2,25 Mrd. DM für Otelo bezahlt. War es das wert? Aber sicher. Wir haben eine Gesellschaft gekauft, die Arcor gut ergänzt. Mit Otelo haben wir eine starke Position im Privatkundengeschäft erworben, mit Germany.net unser Internetangebot abgerundet und mit Hansenet zum ersten Mal Zugang zu einem Stadtnetzbetreiber. Außerdem sparen wir mit Otelo Investitionen ins Fernverkehrsnetz. Das Netz hat Otelo aber auch nur gemietet. . . Der Mietvertrag läuft über 20 Jahre und wir regeln den Verkehr auf dem Galsfaserkabel. Das ist so gut wie Eigentum. Die Kostendegression durch Menge fällt Otelo zu und nicht dem Eigentümer. Damit haben wir die Vorteile auf unserer Seite. Wann werden Sie Geld verdienen? Im Jahr 2001. Wieviele Arbeitsplätze werden Sie streichen? 2800 Mitarbeiter hatte Otelo, als wir übernommen haben. Wir haben der Belegschaft mitgeteilt, daß knapp unter 1000 Mitarbeiter dort bleiben können. Rund 600 werden zu Arcor wechseln, einige werden im Konzernverbund untergebracht. Insgesamt werden rund 1100 Leute ihre Stellung verlieren. Für die betroffenen Mitarbeiter gibt es einen Sozialplan. Werden die Otelo-Mitarbeiter mit der Unternehmenskultur von Arcor klarkommen? Das neue Unternehmen Otelo soll seine eigene Kultur pflegen. Natürlich müssen alle lernen, daß wir jetzt zu einer Familie gehören. Arcor hat sicher eine eigene Firmenkultur, trotzdem wissen wir, daß wir zur Mannesmann-Gruppe gehören. Die Integration findet vor allem im Geschäftskundenbereich statt, der zu uns transferiert wird. Dafür muß man erfahrungsgemäß auch Geduld mitbringen. Man darf seine Vergangenheit nicht vergessen, die gehört zum beruflichen Leben dazu. Aber man hat eben in die Zukunft gerichtet eine neue Heimat und die heißt Arcor. Wie versuchen den Wechsel von Otelo zu Arcor fair und offen zu gestalten, dann sind die Mitarbeiter auch bereit, mitzugehen. Wenn Arcor sich auf Geschäftskunden konzentriert, werden Sie dann die Privatkunden vernachlässigen? Arcor wird ein Komplettanbieter bleiben und auch weiterhin Privatkunden bedienen. Es bleibt bei den Call-by-Call-Angeboten. Aber: Otelo wird die Privatkundenmarke sein. Wir werden also in Zukunft zwei eigenständige Marken haben. Und die bieten ihre Produkte weiterhin zu unterschiedlichen Preisen an. Wieviele Preselection-Kunden, also feste Abonnements, haben Sie? Bei Otelo waren Ende Mai 500 000 Preselection-Kunden vertraglich an uns gebunden. Arcor hat weniger Preselection-Kunden, das Geschäftsvolumen ist allerdings größer, da wir bei Arcor viele Verträge mit Geschäftskunden haben. Und wieviele Telefonminuten verkaufen Sie? Otelo wickelt zur Zeit 15 Mill. Minuten täglich über ihr Netz ab, bei Arcor sind es 22 Mill. Minuten täglich. Hat die Regulierungsbehörde versagt, weil der Wettbewerb im Ortsnetz nicht in Gang kommt? Fest steht, daß hier nicht genug darauf geachtet wurde, daß der Wettbewerb auch im Ortsnetz in Gang kommt. Die Telekom setzt alles daran, ihren Wettbewerbsvorsprung, den sie im Monopol erzeugt hat, so lange wie möglich zu halten. Gerade hier sind Regulierungsentscheidungen zugunsten der neuen Wettbewerber notwendig. Sie sehen im Bereich der Ferngespräche, welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen die Preissenkungen hatten. Die Preise sind so dramatisch gesunken, daß sie sogar Einfluß auf die Inflationsrate hatten. Das zeigt, welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen die vollständige Marktöffnung hatte. Die anderen Wettbewerber rücken Ihnen im Preselect- und Call-by-Call-Bereich auf die Pelle. Das ist richtig. Die Telefongesellschaften, die bundesweit im Preselect- und Call-by-Call-Markt tätig und entsprechend bekannt sind, sind Wettbewerber, die wir genau beobachten müssen. Wenn neue Produkte plaziert werden, zum Beispiel im Bereich Internet, dann muß man schnell reagieren. Die Telekom hat nach Ihrem zweiten Börsengang 35 Mrd. DM in der Kriegskasse. Wen wird sie zuerst schlucken? Das müssen Sie die Telekom fragen. Was würden Sie mit dem Geld machen? Die Frage stellt sich nicht. Arcor ist im Mannesmann-Konzern auf das Geschäft in Deutschland ausgerichtet. Über die Europastrategie entscheidet Mannesmann. Und wann geht Arcor an die Börse? Wir sind eine Tochtergesellschaft des Mannesmann-Konzerns und da sind wir ganz gut aufgehoben. Sie waren der erste Wettbewerber, der einen Konkurrenten geschluckt hat. Planen Sie weitere Zukäufe? Wir wollen aus eigener Kraft weiter wachsen. Wenn sich irgendwo eine Möglichkeit zum Kauf bietet, werden wir sehr sorgfältig prüfen, ob die Chance, die sich bietet, zu unserer Ausrichtung und Strategie paßt. Aber es ist nicht so, daß wir jetzt auf der Lauer liegen. Wie wird der Markt am Ende des Jahres aussehen? Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Markt in die Konsolidierungsphase eintritt. Zum jetzigen Zeitpunkt war die Übernahme von Otelo eine Ausnahme. Die Konsolidierung steht dem Markt im wesentlichen im nächsten Jahr bevor. Wird es weniger oder noch mehr Wettbewerber geben? Bei der Regulierungsbehörde liegen immer noch Anträge für neue Lizenzen vor. Es ist schwer abzusehen, wieviele davon tatsächlich genutzt werden. Ich gehe davon aus, daß wir am Ende des Jahres genauso viele Wettbewerber haben werden wie heute. Wo sehen Sie denn die kritische Größe für ein Telekommunikationsunternehmen? Wer bundesweit tätig sein und eine Rolle in der Telekommunikation spielen will - das heißt, Breitbandkommunikation, Internet und schnellen Internet-Zugang anzubieten - braucht ein Volumen von mehreren Milliarden Mark Umsatz. Wer sich auf bestimmte Marktsegmente konzentriert, regional oder auf bestimmte Zielgruppen, kommt mit kleineren Größenordnungen aus. Man muß darauf achten, daß der Zuschnitt des Unternehmens zu dem Markt paßt, den man bedienen möchte. Es wird Platz für Nischenanbieter geben. Der Telekommunikationsmarkt ist, was das klassische Geschäft angeht, kein Wachstumsmarkt mehr. Wie wollen Sie trotzdem wachsen? Bei der reinen Telefonie ist das Umsatzwachstum nur noch marginal. Allerdings wird das Volumen weiter zunehmen, denn die niedrigen Preise sorgen dafür, daß die Leute mehr telefonieren. Man spricht einfach von Düsseldorf nach Berlin etwas ungezügelter als früher. Aufgrund der Preissenkungen bleibt das Umsatzwachstum natürlich begrenzt. Richtiges Wachstum findet im Datenverkehr statt, hier vor allem im Internet - sowohl privat als auch geschäftlich. Die Arcor-Gruppe - Arcor, Otelo, germany.net - verzeichnet mit rund 900 000 Nutzern ein starkes Wachstum im Bereich Internet. Wir wollen unsere Position weiter ausbauen. Wie wichtig ist ein eigenes Netz? Es kommt darauf an, was Sie anbieten wollen. Wer wie Arcor viele Geschäftskunden bedient, braucht direkten Zugang zum Kunden, um den Datenverkehr abwickeln zu können. Denn Sie müssen die sichere Datenübertragung von Punkt zu Punkt garantieren können. Eine Bank, die das gesamte Börsengeschäft über ihre Netz abwickelt, verlangt 100prozentige Sicherheit und Leistungsbereitschaft. Das können Sie nur mit einem eigenen Netz bieten, das Sie kontrollieren. Welche Pläne haben Sie für das Internet? Das attraktivste Angebot, das wir dem Kunden heute im Internet bieten können, ist ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittener Zugang. Darum werden wir Arcor-Online zu einem kompletten Online-Dienst ausbauen. Mit Germany.net sind wir im werbefinanzierten Bereich ja schon vertreten. Und den Zugangsdienst bieten wir über Internet-by-Call schon länger an. Werden Sie im Bereich Internet Unternehmen zukaufen? Der Markt in Deutschland ist zur Zeit noch klein. Die Großen stehen nicht zum Verkauf. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Telekom T-Online verkaufen will. Im Moment müssen wir deshalb selbst Ideen im Internet entwickeln und schnell umsetzen. Das ist zielführender als alles andere. Interessieren Sie sich auch für das TV-Kabelnetz, das die Telekom jetzt verkaufen will? Wir sind noch dabei, die Rahmenbedingungen zu prüfen. Der Knackpunkt ist, daß die Telekom mit 25,1 Prozent beteiligt bleiben will und damit eine Sperrminorität hat. Damit hat sie schon eine aktive unternehmerische Rolle in so seiner Gesellschaft. Es ist problematisch, wenn zwei Wettbewerber wie die Telekom und Arcor da aufeinandertreffen und gemeinsam Entscheidungen treffen sollen. In Stuttgart bieten Sie bereits Komplettanschlüsse. Wann folgt Berlin? Ich gehe davon aus, daß wir den größten Teil Berlins Ende des dritten Quartal angeschlossen haben werden und dann Komplettanschlüsse anbieten können. Wir sind hier leider auf die Zusammenarbeit mit der Telekom angewiesen und auf das Tempo, das sie vorlegt. Sie stellt uns leider nur sehr zögerlich Leitungen bereit. Wenn es nach uns ginge, wären wir schneller.

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