Wirtschaft : Maul- und Klauenseuche: Die Tierseuche verändert die Landschaft

Marc Champion

Eigentlich sollte ein Auftritt des russisch-orthodoxen Chors für Pastor Alex Welby das bedeutendste Ereignis in diesem Frühjahr werden. Doch die Maul- und Klauenseuche hat seine Gemeinde im englischen Devon traumatisiert. Im Dienstzimmer des Pastors sitzt die völlig verschreckte Ehefrau eines Farmarbeiters, der bereits zum zweiten Mal versucht hat, Selbstmord zu begehen. Auf den sanften Hügeln um die kleine Marktstadt Hatherleigh brennen überall die Scheiterhaufen mit getöteten Tieren. Die Weiden sind leer, die Pubs verwaist und die Bauern verlassen ihre Höfe nicht mehr. "Durch die lange Krise der Landwirtschaft in den letzte Jahren sind die Bankkonten der Farmer ohnehin geschrumpft oder im Minus", sagt Pastor Welby.

Seine Region ist mit am schwersten von der Seuche betroffen. "Die Kräfte sind am Ende, genau wie die Hoffnung", meint Welby. Verlassen mehr und mehr Bauern die durch die Rinderseuche BSE bereits schwer angeschlagene Branche, hätte dies einschneidende Folgen für die Kommunen der Umgebung, in denen seit mehr als tausend Jahren Tierzucht betrieben wird. Die Maul- und Klauenseuche werde das Bild der Landwirtschaft in Devon verändern, meint Julia Dunn, eine ehemalige Lehrerin an einer Landwirtschaftsschule. "Für viele, die bereits lange aus der Tierzucht aussteigen wollten, ist dies jetzt der Anlass", meint sie.

Die Regierung schlachtet und verbrennt hunderttausende von Tieren, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Zur Hilfe werden Soldaten in die am schlimmsten betroffenen Regionen entsandt, darunter nach Devon. In diesen Gegenden hat die Seuche neben dem wirtschaftlichen Moment vor allem Auswirkungen auf die Menschen. Auch vor Ausbruch der Krankheit war die Krise unübersehbar. Allein im Jahr 1999 haben 77 Bauern und Farmarbeiter in Großbritannien Selbstmord begangen. Um Hatherleigh herum könnte es kaum schlimmer werden. Von einer kleinen Anhöhe sieht man den Rauch von drei Feuern, in denen Tiere auf brennenden Eisenbahnschwellen vernichtet werden. Zum ersten Mal in ihrem Leben sehen die Menschen völlig leere Weiden. In einem Stall an der Straße liegen die Kadaver einer kleinen Schafherde, die bereits verwesen und Gestank verbreiten.

"Die Kadaver und der Geruch der Scheiterhaufen sind überall", sagt eine verzweifelte Frau, die bei Pastor Welby Rat sucht. Sie macht sich Sorgen um ihren Mann, einen Farmarbeiter, dessen Arbeitgeber vor kurzem den Betrieb schließen musste. Bauern seien besonders suizidgefährdet, meint Ian Johnson, Sprecher der Agrargewerkschaft. "Sie sind isoliert und mit dem Vorgang des Tötens vertraut." Die Heilsarmee in Nordwestengland registriert in ihrer Telefonberatung bei Anrufen verzweifelter Bauern einen Anstieg um das Vierfache. In Devon wurden kürzlich die Waffen eines Bauern beschlagnahmt, da man fürchtete, der Mann werde sich damit umbringen.

Für den Gewerkschaftssprecher Johnson hat das Ganze auch eine gute Seite: Fernsehbilder von entmutigten Bauern und brennenden Tierhaufen treffen mit einem Wahlkampf zusammen, der den Sorgen der Landwirte einen hohen Stellenwert einräumt. Die Stadtbevölkerung so massiv mit der Not der Bauern konfrontiert. Johnson hofft, dass dies zu einer landesweiten Debatte über die Neuordnung der Landwirtschaft führen wird. Die Betriebe sollen kleiner werden. Doch erst einmal haben sich die Landwirte auf ihre Gehöfte zurückgezogen und sich dort einer Quarantäne unterworfen. So wollen sie eine Verbreitung der Seuche, die auch durch Schuhe und Kleidung übertragen werden kann, verhindern.

Täglich kommen die Männer des Landwirtschaftsministeriums mit ihren weißen Kutten und sprühen Desinfektionsmittel auf den Asphalt der Straßen. Die aktuelle Krise trifft umso schwerer, als die britischen Tierzüchter langsam wieder Hoffnung schöpften. Auf dem Höhepunkt der BSE-Epidemie 1996 fiel der Preis von Lammfleisch von 60 Pfund auf 35 Pfund. Anfang dieses Jahres konnte er sich wieder auf 50 Pfund erholen, stürzte unter dem Eindruck der Maul- und Klauenseuche aber nun auf 33 Pfund.

"Es ist erstaunlich, wie schnell alles wieder niedergeprügelt wurde", sagt Peter Banburry, der am Rand seines durch Polizeibarrikaden abgesperrten Hofs steht. Der 66-jährige leitet mit seinen beiden Söhnen einen der größten und erfolgreichsten Betriebe in der Gegend und ist in Fragen der Epidemie eher pragmatisch. Er weiß, dass die Regierung ihm für jedes seiner Tiere den Marktwert erstatten wird. Und während er die Vorbereitungen für die Vernichtung seiner Herden vorbereitet, plant er schon die Beschaffung eines neuen Bestandes.

Banburry ist ein Beispiel für den Wandel in der Landwirtschaft. Allein in den letzten zwei Jahren haben landesweit 50 000 Bauern aufgegeben, der Altersdurchschnitt der Farmer liegt inzwischen bei 58 Jahre. Manche haben ihr Land an Bauern wie Banburry verkauft oder verpachtet. Als Folge hat Großbritannien heute mit durchschnittlich 69 Hektar die größten Landwirtschaftsbetriebe in Europa - verglichen mit 42 Hektar in Frankreich und 32 Hektar in Deutschland.

Peter Martin hat seinen Rinderbestand 1996 verkauft und kümmerte sich seitdem um die Tiere seines Nachbarn William Cleave. Dieser hatte die Seuche von einem Viehmarkt an der schottischen Grenze nach Devon gebracht. Die infizierten Tiere wurden dann auf 13 Herden in Devon und Cornwall verteilt und steckten auch diese an. Um mit den fallenden Preisen fertig zu werden, haben sich viele Bauern auf alternative Nutzungen ihrer Wiesen verlegt. Peter Martin pflanzte auf seinen 80 Hektar Eichen, Eschen und Stechpalmen an. Andere vermieten Sommerhäuser oder betreiben Bed-and-Breakfast-Pensionen.

Je länger die Seuche bleibt, desto mehr Bauern werden aufgeben und desto stärker wird die lokale Wirtschaft leiden. Vorerst dominieren die Männer in den weißen Kutten. "Heute waren drei von ihnen hier", sagt Martin. "Sie haben alles in der Scheune desinfiziert. Und auf den Feldern habe ich die verkohlten Reste der Verbrennungen. Das muss alles irgendwann beerdigt werden."

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