Wirtschaft : Maul- und Klauenseuche: Tourismusbranche als Hauptopfer

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Die Kosten der Maul- und Klauenseuche (MKS) für die britische Volkswirtschaft könnten sich laut einer Untersuchung des "Centre for Economics and Business Research" (CEBR) auf über neun Milliarden Pfund (rund 28 Milliarden Mark) oder 1,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts belaufen. Den Schatzkanzler Gordon Brown könnte die Seuche drei Milliarden Pfund an Steuerausfällen kosten - drei Mal so viel wie die in der Haushaltsrede Anfang März bekannt gegebenen Steuererleichterungen.

Zum Thema Chronologie: Der jüngste Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Europa Doch diese Hochrechnungen sind umstritten. Ursprünglich hatte das Institut selbst, auf Basis der großen MKS-Krise von 1967, einen Gesamtschaden für die Landwirtschaft von 2,6 Milliarden Pfund veranschlagt. In die Kalkulation des Schadens müssten aber auch Kosten wie die Erhöhung der Fleischpreise und Einkommensausfälle in der Tourismusbranche veranschlagt werden, hieß es nun. Schon jetzt ist klar, dass zu den großen Verlierern der Krise weniger die Bauern, Schlachthöfe und Viehtransporteure, als vielmehr die Tourismusbranche gehört. Sie soll laut dem CEBR-Bericht Ausfälle in einem Gesamtwert von mehr als 6,4 Milliarden Pfund erleiden. Viel hängt davon ab, wie lange - und wie folgenreich - die britische Landwirtschaft und weite Teile des Landes lahm gelegt werden. Die Londoner Regierung musste in dieser Woche zugeben, dass sich die Seuche in den am schwersten betroffenen Gebieten, dem Lake District im Nordwesten und Devon im Süden der Insel, voraussichtlich bis in den August hinein halten wird.

Schon jetzt, Monate vor dem Beginn der Hauptsaison, gibt die Tourismus-Branche ihren Verdienstausfall mit rund 100 Millionen Pfund pro Woche an. Hotels wurden bereits zugemacht, Pferderennen wegen der Ansteckungsgefahr abgesagt. Und auch Schlösser und Gärten, die sich eigentlich auf das Ostergeschäft vorbereiten müssten, bleiben vorerst geschlossen. Allein die Kulturstiftung National Trust hat vorerst auf die Einstellung von 4000 Saisonarbeitern in seinen zahlreichen Schlössern und Herrenhäusern verzichtet.

"Das Countryside steht vor dem GAU, es droht ein permanenter Verlust von Unternehmen und Arbeitsplätzen", sagte ein Abgeordneter im Parlament. Wurden die Städter in der ersten Panik aufgefordert, dem Lande fernzubleiben, hat die Regierung nun, nicht weniger panisch, mit einer Werbekampagne unter dem Motto "Das Land ist nicht geschlossen" begonnen.

Landwirtschaft und Tourismus sind eng verbunden, aber Tourismus spielt in der Gesamtwirtschaft die weit wichtigere Rolle. Besucher aus dem In- und Ausland geben im Vereinigten Königreich pro Jahr um 64 Milliarden Pfund aus. Sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts werden hier erwirtschaftet, rund zwei Millionen Menschen sind in der Branche und verwandten Zweigen beschäftigt. Demgegenüber ist der Anteil der Landwirtschaft an der Nationalökonomie auch in Großbritannien stark rückläufig. Nach den jüngsten Zahlen des Landwirtschaftsministeriums wird nur noch 0,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts von den Bauern und Viehzüchtern erwirtschaftet und nur noch zwei Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft - Tendenz sinkend.

Kommentatoren, die die Reaktion der Landwirtschaft auf die Krise für übertrieben halten, weisen darauf hin, dass Landwirte von gestiegenen Landpreisen und einem nach wie vor extrem hohen Subventionsanteil profitieren - im abgelaufenen Finanzjahr ist er in Großbritannien um weitere 21 Millionen Pfund auf knapp 3,1 Milliarden Pfund gestiegen - mehr als alle anderen Wirtschaftszweige zusammen.

Dazu gehören auch Sofortentschädigungen für die Bauern, die Schatzkanzler Brown in diesem Jahr mindestens 150 Millionen Pfund kosten dürften. Die Bauern erhalten für jedes notgeschlachtete Tier 90 Prozent des Marktwertes - 75 Pfund zum Beispiel für eine Zuchtsau und 900 Pfund für eine Zuchtkuh. Hotel- und Pubbesitzer erhalten dagegen keine Kompensation. Die "Cumbria Task Force", die sich um die prekäre Wirtschaftssituation im Lake District sorgt, hat jetzt Soforthilfen von 100 Millionen beantragt. Doch was die eilends begründete Sonderkommission des Umweltministers an Förderung in diesem Bereich zu verteilen hat, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch offen.

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