Wirtschaft : Maul- und Klauenseuche: Versicherer schrecken vor Tierkrankheit zurück

Jörg Knospe

Den deutschen Landwirten bleibt wirklich nichts erspart. Von der BSE-Krise ohnehin schon in ihrer Existenz bedroht, wird es für sie jetzt auch immer schwerer, sich gegen Ertragseinbußen infolge der Maul- und Klauenseuche (MKS) zu versichern. Zwei der fünf Anbieter, die Uelzener Allgemeine und der Bayerische Versicherungsverband, haben das Geschäft mit der Ertragsschaden-Versicherung gegen Tierseuchen aller Art bereits eingestellt. Die anderen drei bieten nur noch Altkunden oder in bestimmten Regionen einen Rundumschutz inklusive MKS an.

Den Versicherern befürchten das Schlimmste: "Die Frage ist nicht, ob MKS Deutschland heimsucht, sondern nur wann", sagt jedenfalls Günter Hommerich, Agrarchef der R+V-Versicherungsgruppe und damit zuständig für die Vereinigte Tierversicherung (VTV). Die VTV ist der größte Tierversicherer im Lande, in manchen Regionen der Bundesrepublik hat sie jede zweite Herde versichert.

Höheres Risiko als bei BSE

Vor der Gefahr durch die Maul- und Klauenseuche haben die Versicherer laut Hommerich in der Vergangenheit immer wieder gewarnt. Der Ausbruch drohe unter anderem wegen des Transportverkehrs, sagt der Experte von der VTV. Er verweist dabei auf vorangegangene Fälle in Italien, Griechenland, Albanien und der Türkei. Sogar auf den Reifen eines Viehtransporters kann der Virus weitergetragen werden.

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Das maximale Risiko dieser Seuche wiegt für die Versicherungsbranche ungleich schwerer als beim Rinderwahnsinn BSE. Schließlich gehe es um ein Schadenszenario von 1,5 bis zwei Milliarden Mark, sagt Theo Hölscher, Direktionsbevollmächtigter der Uelzener Allgemeinen, dem zweitgrößten Anbieter.

Von den gesetzlichen Tierkassen erhalten die Bauern lediglich den "gemeinen Tierwert" der getöteten Viehbestände ersetzt, also eine Art Tagespreis. Die sehr viel höheren Ertragsausfälle durch ausbleibende Milchverkäufe und Folgekosten sind nur privat versicherbar. Bundesweit sind nach Schätzungen der Münchener Rück derzeit etwa 15 bis 20 Prozent der Landwirte gegen MKS, 30 bis 35 Prozent gegen BSE versichert. Die Verträge laufen aber meist nur ein Jahr lang. Zu welchen Konditionen sie verlängert werden, ist völlig ungewiss.

Der Markt hat sich innerhalb weniger Wochen radikal gewandelt. Wegen BSE - lange Zeit wegen vermeintlich geringer Gefahr nahezu beitragsfrei mitversichert - sind die Versicherer oder deren Rückversicherer an die Grenzen dessen gestoßen, was sie an Risiko übernehmen können und wollen. Die Branche hatte sich offenbar auf die Politik verlassen, die noch bis November vergangenen Jahres das Land als frei von BSE bezeichnet hatte. Nun sind die Versicherungskapazitäten nahezu erschöpft. "Wir behalten uns weitere Restriktionen vor", sagt deshalb zum Beispiel Reiner Hagemann, Chef der Allianz-Sachversicherungs-Gruppe.

Generell gilt: Je größer der Kundenstamm in einem Gebiet, desto leichter kann sich der Versicherer übernehmen. Das so genannte Kumulrisiko steigt, also die Gefahr, dass es zu einer Schadenlawine kommt. Es lässt sich nur schultern, wenn der Versicherer vorsichtshalber den Versicherungsschutz begrenzt oder stoppt. Marktführer VTV hat daher das Hauptrisiko MKS für den Norden Deutschlands und die neuen Bundesländer generell ausgeschlossen. Dadurch kostet die Police 40 Prozent weniger. Nur Stammkunden im Rest der Republik erhalten weiter den Vollschutz: "Kundentreue wollen wir belohnen", heißt es. Für Neukunden bietet allein der LVM noch Vollschutz-Policen inklusive MKS an. Allerdings hat die Nummer drei unter den Tierversicherern Deutschlands ebenfalls Regionen ausgeschlossen, etwa das gesamte Bundesland Schleswig-Holstein oder das Hochsauerland.

Wartezeit wird zur Zitterpartie

Auch wer eine Police gegen MKS ergattert, muss weiter bangen. Die Versicherung leistet erst nach einer Wartezeit von drei Monaten. Bei einer Inkubationszeit von nur zwei bis 18 Tagen ist diese Wartezeit eine Zitterpartie für die Bauern. Bei BSE hingegen wird schon gezahlt, wenn der Schaden nach vier (bei der Allianz nach zwei) Wochen eintritt. Allerdings vergehen hier von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Erkrankung zehn bis 15 Jahre.

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