Wirtschaft : Medi-Target: Berliner Medizinforscher wagen den Schritt ins Unternehmertum

Finn Mayer-Kuckuck

In den USA ist es schon lange üblich, in Deutschland kommt es erst langsam in Mode: Forscher, die sich als Start-up-Unternehmer selbstständig machen. Auch drei Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts (MPI) für Infektionsbiologie in Berlin-Mitte planen zurzeit eine Ausgründung. Ihr Unternehmen, Medi-Target, ist gerade als GmbH gegründet worden. Am 1. Juli soll auch das operative Geschäft beginnen. Aber erst einmal braucht das neue Unternehmen Geld.

"Zurzeit läuft die erste Finanzierungsrunde", sagt Gründungsgeschäftsführer Thomas Rudel, ein gelernter Molekular-Biologe. Die Verhandlungen mit einer Risikokapital-Gesellschaft stünden kurz vor dem Abschluss. Mit dem zweistelligen Millionen-Betrag, der für drei Jahre reichen soll, wollen die Jung-Unternehmer neue Laborräume für ihre rund 20 Mitarbeiter bauen. "Wir bleiben auf jeden Fall in Berlin", sagt Rudel. Wo genau in Berlin stehe noch nicht fest, verhandelt werde unter anderem mit dem Biotechnologiepark Charlottenburg.

Die Forscher, die bald Unternehmer sind, wollen sich auf einen genau umgrenzten Markt konzentrieren. "Medi-Target will punktgenaue Ziele für Arzneimittel-Wirkstoffe entwickeln", sagt Hanns-Rüdiger Graack, ein Molekularbiologe, der sich künftig ums Management kümmern soll. Um sich fit zu machen für die neue Aufgabe hat Graack einen zweijährigen MBA-Studiengang für Führungskräfte kleiner und mittlerer Unternehmen belegt. "Der Markt für Wissenschaftler mit Management-Expertise ist leergefegt", sagt sein Kollege Rudel. Den Biotech-Unternehmern blieb nichts anderes übrig, als sich das Wirtschaftswissen selbst anzueignen.

Medi-Target wird eine komplette Forschergruppe vom MPI für Infektionsbiologie übernehmen. "Wir werden auch nach der Abnabelung mit dem Institut kooperieren", sagt Gründungsgeschäftführer Rudel. Medi-Target ist hier auf Mechanismen spezialisiert, die mit Krebs, Parkinson und Alzheimer zusammenhängen können - oder mit schwierigen Infektionskrankheiten. Auf diesem Gebiet forscht das Max-Planck-Institut (MPI) seit 1993. Es arbeitet eng mit der Charité zusammen. Auch die Patente, die Medi-Target benötigt, gehören der Max-Planck-Gesellschaft, die ihre Erfindungen wiederum von ihrer Tochtergesellschaft Garching Innovation verwerten lässt. Die Garching Innovation lizensiert sie zurück an Medi-Target. "Die Max-Planck-Institute betreiben öffentlich finanzierte Forschung. Deshalb begrüßen wir es, wenn Geld auch zurückfließt", sagt Jörn Erselius von Garching Innovation.

Bisher habe es etwa 20 richtige Ausgründungen aus dem Max-Planck-Institut gegeben, sagt Erselius: "Drei davon sind jetzt an der Börse". Es sei für MPI-Ausgründungen auch heute, nach dem Crash am Neuen Markt, kein Problem, an Venture Capital zu kommen - "wenn die Situation auch einmal leichter war". Auch die US-Biotechfirma Celera setzte für die Entzifferung des menschlichen Erbguts Software ein, die ein Max-Planck-Sprössling geschrieben hatte - die Algorithmic Solution GmbH aus Saarbrücken. "Es gibt viele gescheite junge Leute", sagt Herbert Jäckle, Mitbegründer der MPI-Tochter Develogen, "die wollen weder reine Grundlagenforschung machen noch in die Industrie gehen." Für sie schließen die wissenschaftsnahen Neugründungen eine Lücke.

Die Zukunft des jungen Unternehmens Medi-Target wird entscheidend davon abhängen, ob es ihm gelingt, Kooperationsverträge mit großen Pharmakonzernen zu schließen. Die Voraussetzungen sind günstig: Nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms konzentrieren die Konzerne sich jetzt darauf, maßgeschneiderte Medikamente zu entwickeln, die direkt die genetischen Ursachen von Krankheiten in den Zellen angreifen. Dafür brauchen sie "Targets", Zielpunkte,die ihnen sagen, wo sie mit der Suche nach neuen Medikamenten ansetzen müssen.

Immer öfter greifen große Konzerne dabei auf kleine Biotech-Firmen zurück. Allein Bayer zahlt in den nächsten fünf Jahren 100 Millionen Dollar an das Heidelberger Biotech-Unternehmen Lion Bioscience, das im Gegenzug 500 solcher Zielpunkte liefern soll. "Start-up-Biotechs sind wegen ihrer geringen Größe viel flexibler als die großen Unternehmen", erklärt Firmengründer Graack die Vorteile. "Deshalb überlassen die Pharmakonzerne die Forschung immer öfter den Kleinen."

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