Media-Markt und Saturn : Der Kampf der Schwestern

Die Elektronikketten Media-Markt und Saturn gehören beide zum Metro-Konzern. Trotzdem arbeiten sie gegeneinander.

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Volle Tüten. Auf dem Alexanderplatz in Berlin trennen Media-Markt und Saturn nur ein paar Schritte. Foto: Paul Zinken
Volle Tüten. Auf dem Alexanderplatz in Berlin trennen Media-Markt und Saturn nur ein paar Schritte. Foto: Paul ZinkenFoto: Paul Zinken

Berlin - Es war noch nie leicht, auf dem Berliner Alexanderplatz die Übersicht zu behalten. Doch kurz vor Weihnachten ist es fast unmöglich. So viele Glühweinbuden, Stände mit Zuckerwatte, Duftkerzen und indianischen Traumfängern stehen dicht an dicht zwischen Park-Inn-Hotel und S-Bahnhof, dem Kaufhof und dem Alexa-Center. Viele, die sich hier Wege durchs Chaos bahnen, scheint aber weder Bratwurstduft noch Skihütten- Techno zu locken, der den Platz beschallt: In zwei der größten Elektrokaufhäusern der Stadt, die nur 200 Meter Fußweg auseinanderliegen, suchen sie Geschenke und Schnäppchen.

Media-Markt und Saturn – Konkurrenten, die doch beide zu Europas größten Handelskonzern Metro gehören. Die Filialen beider Ketten haben ein fast identisches Sortiment – von Flachbildfernsehern über Computer, Mobiltelefone, DVD-Player, CDs, Navigationsgeräte, Espressomaschinen, Bügeleisen bis zu Waschmaschinen. Weil das so ist und die Häuser so nah beieinander liegen, pendeln einige Kunden über den Alex hin und her, in der Hoffnung, in einem der Märkte das Wunschprodukt für 20 Euro weniger zu finden.

Das kann gelingen. Aber es ist sehr mühsam, denn ein Vergleich der Angebote ist ähnlich kompliziert wie derzeit der Weg von der Weltzeituhr zum Bahnsteig der U5. Ist der Sony-Flachbildfernseher „KDL 46 EX 402“ für 688 Euro nun ein Schnäppchen, wo der „KDL 40 NX 700“ bei Media-Markt nebenan 799 kostet? Wer nicht Unterhaltungselektronik auf Diplom studiert hat, bleibt ratlos zurück. Wer aber um die Eigentümerstruktur der beiden Ketten weiß, könnte vermuten, dass die Unübersichtlichkeit Teil des Konzeptes ist. Aus der Zugehörigkeit zum gleichen Konzern lässt sich jedoch nicht einfach ableiten, dass Media-Markt und Saturn ein Kartell bilden und Preise absprechen. Beim Bundeskartellamt hat man sich bisher nicht näher mit den beiden Ketten befasst, da es „bisher keine Hinweise auf Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht gab“, wie ein Sprecher auf Anfrage sagt.

Ohnehin ist die Eigentümerstruktur komplizierter. Beide Firmen gehören zu einem Unternehmen, der Media-Saturn Holding GmbH in Ingolstadt. Die gehört zu gut 75 Prozent der Metro AG. Die restlichen Anteile liegen bei den Familien Stiefel und Kellerhals, die 1979 in München den ersten Media-Markt gegründet haben. Zwar gibt Metro klar die Richtung vor, treibt die Expansion nach Osteuropa und Asien voran. Doch Metro-Chef Eckhard Cordes konnte sich bisher nicht in allen Belangen durchsetzen.

Ein Dauerstreitpunkt ist zum Beispiel die Online-Strategie: Cordes will, dass die Ketten verstärkt im Internet verkaufen, um nicht weiter Marktanteile gegen die Versandhändler von Amazon bis Otto zu verlieren. Die eher konservativen Eigentümerfamilien sind dagegen. Und da sind dann noch die Geschäftsführer der einzelnen Märkte, die ebenfalls mitsprechen können, da jeder persönlich bis zu zehn Prozent der Anteile an einer Filiale hält – eine ganz spezielle Konstruktion, die garantiert, dass es tatsächlich Wettbewerb zwischen den Märkten gibt. Allerdings können die Marktleiter als Miteigentümer kaum ein Interesse daran haben, dass Menschen vom heimischen PC aus Elektroartikel bestellen.

Die Handelsanalysten der Beratungsgesellschaft Planet Retail schätzen, dass jeder Deutsche im vergangenen Jahr im Schnitt 1082 Euro für Verbraucherelektronik, Unterhaltung, Bürotechnik und Kommunikationsmittel ausgegeben hat. Das wären rund 6,3 Prozent der persönlichen Ausgaben. Zugleich wächst der Online-Handel als Vertriebskanal. Wurden hierzulande im Jahre 2000 Waren im Wert von rund einer Milliarde Euro im Internet bestellt, waren es 2009 schon 15,5 Milliarden. Vergleichsportale wie Guenstiger.de oder Ciao.de erleichtern den Kunden die Suche.

Hat das Geschäftsmodell Elektro-Fachgeschäft da noch eine Zukunft? „Ich glaube ja“, sagt Branchenbeobachter Boris Planer von Planet Retail. Gerade viele der in den letzten Jahren auf den Markt gekommenen Waren wie Blu-Ray-Player, iPods und iPads, Flachbildfernseher oder Festplattenrekorder würden einen erhöhten Beratungs- und Installationsbedarf mit sich bringen. Davon lebten die Verbundgruppen unabhängiger Händler wie Euronics, Expert und Electronic Partner, die traditionell serviceorientiert sind. Und auch „eine eher servicearme Handelsfirma wie Media-Saturn“ könne in der Fußgängerzone punkten, indem sie Kunden dort eine große Anzahl von Fernsehern bei laufendem Programm vorführt. „Der Onlinehandel wird wachsen, die Geschäfte jedoch nie vollständig verdrängen. Denn erklärungsbedürftige Innovationen wird es auch in Zukunft geben“, sagt Planer.

Das sieht man im Prinzip auch bei der Metro AG so, gleichwohl sieht man dort offenbar auch Handlungsbedarf. Vergangene Woche teilte Media-Saturn eine „Neuaufstellung der Geschäftsführung“ mit: Der langjährige Chef Roland Weise wird zum Jahreswechsel gehen. Horst Norberg und Rolf Hegemann, beide aus dem Unternehmen, werden die Gruppe künftig führen. „So ist Media-Saturn für alle kommenden Herausforderungen der beschleunigten Internationalisierung und des Online-Geschäfts hervorragend aufgestellt“, hielt Metro-Chef Cordes in einer Mitteilung fest.

Auch in der zweiten Reihe gibt es Änderungen. Zwei neue Verantwortliche sollen nun das weltweite Profil der ihnen zugeteilten Marke „schärfen und weiterentwickeln“, hieß es. Bisher hielt man in der Ingoldstädter Zentrale, in der die weltweit 550 Media-Märkte und 237 Saturn-Häuser geführt werden, den Mythos von „zwei starken Marken unter einem Dach“ hoch, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Dort spricht man – wegen der Unternehmensfarben – nur von „den Roten“ (Media-Markt) und „den Blauen“ (Saturn). Angeblich wissen nur die Mitglieder des Top-Managements, was genau die Mitarbeiter der jeweils anderen Hälfte planen. Auch bei der unternehmenseigenen Werbeagentur „Red-Blue“ in München arbeiten die Mitarbeiter streng nach Etagen getrennt an den schrillen Kampagnen ihrer Ketten.

Vielleicht waren sie sich trotzdem zu nah. Die Unterschiede sind in den vergangenen Jahren verwischt, Werbesprüche schienen gleich provokant, gleich aggressiv – und austauschbar: „Geiz ist geil!“, hieß es hier. „Ich bin doch nicht blöd“, hieß es dort. Und beide werben derzeit mit „0% Finanzierung auf alles!“ – Saturn mit US-Gruselaltrocker Alice Cooper und dem jungen Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz. Media-Markt hält an Proll-Comedian Mario Barth als Werbeträger fest.

Am Ende ist mancher Kunde vielleicht erschlagen von den vielen Schnäppchen und der großen Auswahl. Handelsexperte Boris Planer sagt, er habe neulich selbst nicht weitergewusst. Er brauchte ein neues Handy. Da sei er zu einem Kaufhof gegangen, wo es etwas teurer ist, dafür die Auswahl übersichtlich und die Beratung gut. Ratlose Kunden in Berlin könnten es auch so machen und sich durch die Würstchenbuden zum Riesenkaufhof am anderen Ende des Alexanderplatzes durchkämpfen. Zumindest Eckhard Cordes hätte kein Problem damit. Auch dieses Haus gehört der Metro AG.

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