Wirtschaft : Medikamente: Immer neue Arzneien geraten in Misskredit

Thomas M. Burton / Gardiner Harris

Nun sind auch die neuen Schmerzmittel gegen Arthritis Vioxx und Celebrex wegen ihrer Nebenwirkungen in die Kritik geraten. Die beiden Verkaufsschlager, die zusammen einen jährlichen Umsatz von sechs Milliarden Dollar generieren, sollen nach einer neuen Studie das Herzinfarktrisiko erhöhen. Weltweit werden die Mittel, von denen eine Tagesdosierung umgerechnet 3,27 Euro kostet, millionenfach verschrieben. Denn anders als die herkömmlichen Schmerzmittel, die nur einen Bruchteil davon kosten, sollen sie keine Magengeschwüre verursachen. Zum ersten Mal seit ihrer Markteinführung im Jahr 1999 ist ihr Ruf nun ernsthaft in Gefahr. Der Vioxx-Produzent Merck & Co hat ebenso wie der Mitvertreiber von Celebrex, Pfizer Inc., in den vergangenen Monaten versucht, die neuen Erkenntnisse herunterzuspielen.

Die Bedenken stammen aus einer Untersuchung zweier angesehener Kardiologen der Cleveland-Klinik. "Die aktuellen Daten legen nahe, dass Vioxx und Celebrex verstärkt zu Komplikationen im Bereich der Herzgefäße führen können", schließt die Untersuchung, die im aktuellen Magazin des amerikanischen Medizinerverbandes erschienen ist. Vioxx-Patienten lebten danach mit einem doppelt so hohen Risiko, kardiovaskuläre Komplikationen zu erleiden als Patienten, die das generische Arthritis-Mittel Naproxen einnehmen. Auch Celebrex wird mit einer relativ hohen Zahl von Herzinfarkten in Verbindung gebracht. Die Autoren weisen darauf hin, dass sie für ihre Untersuchungen nur auf bereits erhobene Daten von Merck und Pharmacia, dem Hersteller und weiterem Mitvertreiber von Celebrex, zurückgegriffen haben. Die Rückschlüsse sind daher keineswegs definitiv. Als weiteren Schwachpunkt geben die Mediziner an, dass Vioxx in den Studien mit Naproxen verglichen wurde, einem Mittel, dem ähnlich wie Aspirin Blut verdünnende Wirkung zugeschrieben wird.

Die neueren Bedenken verdeutlichen wie vor kurzem im Fall der Cholesterinsenker ein Problem der Massenmedizin: Selbst die nützlichsten Medikamente haben Nebenwirkungen. Merck und Pharmacia haben inzwischen die Forderung der Autoren nach neuen klinischen Studien zurückgewiesen. Ein gesteigertes Herzinfarktrisiko konnte in eigenen Untersuchungen nicht erkannt werden. Was Vioxx angeht, so seien die verbleibenden kardiologischen Ungewissheiten derzeit Gegenstand der laufenden Forschung. "Ich glaube nicht, dass die Studie verlässliche Rückschlüsse zulässt", sagt Dr. Martin Konstam vom New England Medical Center, der als Berater für Merck arbeitet. Seine eigenen Untersuchungen, die wesentlich umfassender seien, hätten keine Hinweise auf kardiovaskuläre Risiken von Vioxx gegeben. Auch im Fall von Celebrex stellt der stellvertretende Leiter der Pharmacia-Forschungsabteilung Dr. Steve Geis solche Gefahren in Abrede. Neben den Herstellern kritisieren auch einige unabhängige Experten die Untersuchungsmethode als "zweifelhaften statistischen Ansatz", da die Daten eigentlich für andere Studien erhoben wurden. "Diese Datenmanipulation kann sehr irreführend sein", sagt Garret Fitzgerald, Dekan der Pharmakologischen Fakultät an der Universität Pennsylvania.

Gleichwohl schlägt die besagte Studie hohe Wellen. Nicht zuletzt, weil die kritisierten Medikamente ihre große Popularität gerade dem Ruf verdanken, arm an gefährlichen Nebenwirkungen zu sein. Dies rechtfertigte bislang auch ihren hohen Preis. Bis zur Entwicklung dieser Arzneien, gab es bei Arthritis nur so genannte nichtsteroide Schmerzmittel, darunter Aspirin, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac. Letzere kosten nur noch Pfennige und bekämpfen den Schmerz, indem sie das Enzym Cyclooxygenase unterdrücken. Da dieses jedoch gleichzeitig für den Schutz des Darms verantwortlich ist, können in der Folge Magengeschwüre und Darmschäden auftreten. Ein jahrelanges Ziel der Forschung war daher, das Enzym nur im Bereich der Peripherie des Körpers auszuschalten, dort wo die Arthritis-Schmerzen entstehen. Das Ergebnis war der COX2-Blocker Celebrex, der Anfang 1999 auf den Markt kam. Vier Monate später brachte Merck Vioxx heraus.

Obwohl viele Anwender bestätigen, dass diese Mittel weniger Magenschmerzen verursachen, ist eine geringere Wahrscheinlichkeit von Magengeschwüren für die amerikanische Gesundheitsbehörde keineswegs erwiesen. Die Beipackzettel beider Medikamente müssen daher genau wie die der herkömmlichen Schmerzmittel den Hinweis enthalten, dass zwei bis vier Prozent der Anwender an Magengeschwüren erkranken können. Der Versuch der Hersteller, eine Streichung der Warnung zu erreichen, erwies sich als kontraproduktiv: Die zum Nachweis der Unbedenklichkeit an die Gesundheitsbehörde übermittelten Daten ließen gerade im Fall von Vioxx eine auffällig hohe Zahl von kardiologischen Zwischenfällen erkennen. Das Gesundheitsministerium war alarmiert und beauftragte Dr. Steve E. Nissen von der Cleveland-Klinik mit der Auswertung der Ergebnisse aus kardiologischer Sicht. Nissen meint nun, dass Merck seine eigenen Daten nicht ausreichend gewürdigt habe. Die Studie, die Nissen mit seinem Kollegen Eric J. Topol dann begann, wertete unter anderem die Daten von 8076 Patienten mit Rheumatoid-Arthritis aus, die entweder mit Vioxx oder dem nichtsteroiden Mittel Naproxen behandelt wurden. Im Lauf der dreizehnmonatigen Testzeit traten bei 45 Personen der Vioxx-Gruppe schwere kardiovaskuläre Störungen auf. Unter den Naproxen-Patienten gab es nur 20 solcher Fälle.

Doch dann griffen die Forscher zum Ungewöhnlichen: Sie verglichen die Daten von Vioxx- und Celebrex-Patienten mit den Daten von 23 407 Personen, die im Rahmen von Herzinfarktstudien mit Placebos behandelt wurden. Während unter den Placebo-Patienten jährlich 0,52 Prozent einen Herzinfarkt erlitten, waren es bei Vioxx 0,74 und bei Celebrex 0,80 Prozent. Die Forscher betonen, dass die Gefahren damit trotz allem noch sehr gering sind. Ferner könnten die erhöhten Risiken damit zu tun haben, dass Rheuma-Patienten, die den größten Teil der Vioxx-Testgruppe ausmachten, bereits krankheitsbedingt einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko ausgesetzt sind.

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