Wirtschaft : Medikamente nach Maß

Gautam Naik

Pharmaunternehmen machen auf einem der spannendsten Forschungsgebiete Fortschritte: ein Medikament auf das individuelle genetische Profil eines Menschen zuzuschneidern. Solche Designer-Medikamente könnten eines der größten Probleme in der Medizin lösen: Die meisten Arzneistoffe schlagen bei einem großen Teil der Patienten nicht an oder haben starke Nebenwirkungen. Wenn ein Arzt die Verschreibung auf Grundlage des genetischen Codes des Patienten machen könnte, würde der Verhandlungserfolg mit großer Wahrscheinlichkeit größer werden.

Solche Medikamente zu entwickeln ist das Ziel vieler Pharma-Konzerne, seit vor fast zwei Jahren das menschliche Genom entschlüsselt wurde. Nun beginnen die Unternehmen mit Tests, die erhellen sollen, wie die individuell maßgeschneiderten Medikamente bei Krankheiten wie Krebs, Aids oder Übergewichtigkeit helfen können.

Schon jetzt werden genetische Tests verwendet, um vorherzusagen, welche Patienten auf bestimmte Medikamente gut ansprechen. So führt die amerikanische Mayo-Klinik aus Rochester routinemäßig einen Bluttest bei leukämiekranken Kindern durch. Die Klinik ermittelt, ob der kleine Patient wegen seiner Gene zu der Gruppe von zehn Prozent gehört, die auf ein bestimmtes Medikament nicht gut reagieren.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche und sein US-Partner, der Biotechnologiekonzern Genentech, bieten einen ähnlichen Test für ihr Brustkrebsmittel Herceptin an. Sie stellten fest, dass 25 bis 33 Prozent der Brustkrebspatientinnen eine so genannte aktivierte Version eines Gens haben, das sie für aggressiven Krebs anfällig macht. Bei den anderen Brustkrebserkrankten wirkt Herceptin nicht. Ohne diese Konzentration auf Patientinnen, die von dem Medikament profitieren, wäre Herceptin bei den klinischen Tests gescheitert, heißt es bei Genentech.

Neuere Methoden wie eine verbesserte Analyse des Erbgutmoleküls DNS sind noch im Entwicklungsstadium. Es dürfte drei bis fünf Jahre dauern, bis sie in Krankenhäusern eingesetzt werden. Doch erste Ergebnisse sind ermutigend. Seit langem wissen Wissenschaftler des britischen Konzerns Glaxo-Smith-Kline, dass es bei etwa fünf Prozent der Patienten, die das Aids-Medikament Abacavir nehmen, zu schweren allergischen Reaktionen kommt. Nun haben sie die DNA der Patienten durchkämmt und zwei verschiedene Gene gefunden, die für die Nebeneffekte verantwortlich sein dürften.

Das bedeutet: Eines Tages könnten Ärzte mit einem einfachen genetischen Test checken, ob ein Patient diese Gene hat - und damit wahrscheinlich unter Nebenwirkungen leiden wird. Der Glaxo-Gentest ist noch weit von einer Markteinführung entfernt, doch "wir haben prinzipiell Beweise" dafür, dass die Methode funktioniert, sagt der zuständige Direktor von Glaxo, Allen Roses.

Noch müssen viele Hürden genommen werden. So ist unklar, wie teuer solche Tests sein werden, ob sie von den Krankenversicherungen übernommen und ob sie überhaupt zugelassen werden. Dennoch legen jüngere Forschungsergebnisse nahe, dass die Methode die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt.

Im Januar hat das US-Unternehmen Gennaissance Pharmaceuticals eine Pilotstudie mit hundert deutschen Testpersonen abgeschlossen, die an einer fortgeschrittenen Herzkreislaufkrankheit litten. Die Testpersonen erhielten mehrere Cholesterin senkende Mittel aus der Gruppe der so genannten Statine verabreicht, darunter Lipitor (Pfizer) und Pravachol (Bristol-Myers-Squibb). Man weiß, dass diese Medikamente den Anteil "schlechten" Cholesterins im Blut senken; weniger klar ist aber, inwieweit sie den Anteil "guten" Cholesterins erhöhen.

Gennaissance wollte herausfinden, ob es Testpersonen mit gleichen Gen-Varianten gibt, bei denen es zu der so genannten Statin-Doppelwirkung kommt - also einem höheren Spiegel von gutem Cholesterin und niedrigeren Werten von schlechtem Cholesterin. Gennaissance habe zehn Gene untersucht, die mit dem Transport des Cholesterins in den Blutkreislauf zu tun haben, erklärte das Unternehmen. Eines davon hätten 25 oder 30 Patienten gehabt - und zwar diejenigen, bei denen es zu der erwünschten Doppelwirkung kam. Die Studie soll im kommenden Monat veröffentlicht werden.

Die Aussicht, Patienten maßgeschneiderte Medikamente zu verschreiben, ist für die Pharmaindustrie nicht nur ein Segen. Es könnte weniger profitabel sein, verschiedene Versionen eines Arzneimittels für unterschiedliche genetische Profile herzustellen. Als Glaxo-Smith-Kline kürzlich ein vielversprechendes Medikament zur Behandlung von Übergewichtigkeit testete, fand der Konzern heraus, dass der Arzneiwirkstoff bei Patienten mit drei Marker-Genen mit größerer Wahrscheinlichkeit ansprechen würde als bei solchen, die diese nicht hatten.

Nun muss Glaxo entscheiden, ob es das Medikament aufgeben oder Millionen von Dollar in die weitere Entwicklung investieren soll. "Die Frage ist, ob man mit einem Medikament in das nächste Entwicklungsstadium gehen soll, das nur einen Erfolgsquotient von 35 Prozent bis 40 Prozent hat", sagt der Genetik-Direktor Roses von Glaxo, "oder ob man lieber einige Jahre abwarten und einen anderen Wirkstoff suchen sollte, der bei einem größeren Prozentteil der Patienten wirkt." Doch Roses ist optimistisch, dass eines Tages individuell zugeschnittene Medikamente zum Standard werden. Die US-Zulassungsbehörde FDA zumindest hat signalisiert, dass sie gerne Fortschritte bei solchen Medikamenten sehen würde.

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