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Megafusion in Öl- und Gasbranche : Shell will 64 Milliarden Euro für BG zahlen

Megafusion in der Öl- und Gasbranche. Shell und der britische Gasproduzent BG Group wollen zusammen in der Tiefsee bohren und das Geschäft mit verflüssigtem Erdgas ausbauen.

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Eine Shell-Tankstelle in London. Foto: Reuters/Toby Melville
Eine Shell-Tankstelle in London.Foto: Reuters/Toby Melville

Ben van Beurden ist Antreiber und Getriebener zugleich. Die Halbierung des Ölpreises seit dem vergangenen Sommer und der härtere Wettbewerb auf den Öl- und Gasmärkten zwingen den Chef von Royal Dutch Shell zum Handeln: Am Mittwoch kündigte van Beuren an, sein Konzern werde den britischen Gasförderer BG Group kaufen – für umgerechnet 64 Milliarden Euro. Die Führungen beider Unternehmen stimmten dem Geschäft zu. Es ist einer der größten Deals in der Unternehmensgeschichte und in der Branche insgesamt.

Dass die Übernahme den schwierigen Marktverhältnissen geschuldet ist – und nicht allein den Wachstumszielen des britisch-niederländischen Ölkonzerns – deutete van Beurden in einem etwas kryptischen Satz an: „Wir werden das Unternehmen auf eine kleinere Zahl von Operationen, dafür aber größeren Ausmaßes fokussieren“, sagte der 56-Jährige, der seit 30 Jahren im Unternehmen arbeitet.

Shell will wachsen und muss trotzdem sparen

Gemeint ist: Shell will sich künftig mehr mit der Öl- und Gasförderung in der Tiefsee sowie mit verflüssigtem Erdgas (LNG) beschäftigen – und sparen. Das ist dem Konzern zunächst einen Aufschlag von 50 Prozent auf den aktuellen BG-Aktienkurs wert. Nach dem Kauf von BG sollen zahlreiche Geschäftsbereiche abgestoßen werden. Zwischen 2016 und 2018 sollen Konzernteile und Beteiligungen im Volumen von knapp 28 Milliarden Euro verkauft werden, weitaus mehr als bislang angekündigt. Pro Jahr soll der Zusammenschluss außerdem Synergien von rund 3,4 Milliarden Euro vor Steuern bringen.

Es ist die erste Großfusion in der Branche seit den Zeiten um die Jahrtausendwende, als sich die Energiekonzerne wegen sinkender Preise in ähnlichen Schwierigkeiten befanden wie heute. Damals kaufte der britische Ölmulti BP die amerikanischen Rivalen Amoco und Arco. Exxon übernahm Mobil, und Chevron schloss sich mit Texaco zusammen. Nun herrscht ein ähnlicher Druck. Seit dem vergangenen Sommer haben sich die Rohölpreise halbiert. Gründe dafür sind die hohen Fördermengen, für die es angesichts der schwächelnden Weltwirtschaft nicht genügend Abnehmer gibt, sowie der Schiefergasboom in den USA. Auch der Gaspreis, der sich am Ölpreis orientiert, ist im Zuge dessen kräftig gesunken.

Viele Ölkonzerne haben in den vergangenen Monaten ihre Investitionspläne verschoben oder gestrichen, weil sich die Förderung wegen der gesunkenen Preise in vielen Fällen nicht mehr lohnt. Im Raffinerie- und Tankstellengeschäft ist wegen geringer Margen und des Wettbewerbs ohnehin kaum noch großes Geld zu verdienen. Zugleich sind die international operierenden und börsennotierten Unternehmen auf der Suche nach Partnern, mit denen sie in neue Geschäfte vorstoßen können. Für Shell ist der Deal auch eine Zukunftssicherung. Mit der Übernahme würde das Unternehmen seine Rohstoffreserven auf einen Schlag um 25 Prozent erhöhen. „Wir haben eine Reihe von Möglichkeiten geprüft, BG stand aber immer ganz oben auf unserer Liste“, erklärte van Beurden. Die Fusion verbinde nun zwei Unternehmen mit einem „starken Portfolio“ bei der Öl- und Gasförderung auf hoher See sowie der Liefer-Infrastruktur.

Weil sich verflüssigtes Erdgas (LNG) auch mit Schiffen, Zügen und Lkw transportieren lässt, sind die Abnehmer nicht mehr allein auf Gaslieferungen in Pipelines – etwa aus Russland – angewiesen. „Dieses Geschäft ist ganz groß im Kommen“, sagte Rainer Wiek vom Hamburger Energie-Informationsdienst dem Tagesspiegel. Die Abnehmer machten sich so weniger abhängig von „unsicheren Kantonisten“. „Bei LNG müssen alle Öl-Konzerne mitspielen.“ BG, der drittgrößte britische Gasproduzent, ist vor allem Experte für Flüssiggas, wo auch Shell als Pionier gilt. Anders als Shell oder BP hat BG aber keine Endkunden-Geschäfte, sondern ist den Preisen am Rohstoffmarkt ausgeliefert. Der Aktienkurs ist um 30 Prozent eingebrochen. mit rtr, dpa

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