Wirtschaft : Mehdorn will das Unternehmen sanieren - zu Recht (Kommentar)

Antje Sirleschtov

Soll der Bundeskanzler die Bahn retten? So, wie er vor ein paar Monaten den Holzmann-Konzern vom Abgrund weg zog? Es wäre ein spektakuläres Ereignis: Gerhard Schröder auf dem Dach des Berliner Bahnhof Zoo, umjubelt von Lokführern und Schaffnern, deren Schmutzzuschläge gesichert sind. Beklatscht von Bahnfahrern, denen knallharte Bahn-Manager die Vorort-Züge wegnehmen wollten. Dem Sozialdemokraten Schröder flogen schon beim Holzmann-Deal die Herzen der Deutschen zu. Jetzt wüchse er über sich hinaus.

Der Bahn würde Schröder damit einen Bärendienst erweisen. Denn Deutschlands größtes Verkehrsunternehmen trägt noch immer schwer an den Lasten, die seinen Weg vom steuerfinanzierten Staatskonzern zum börsenreifen Unternehmen behindern. Fast vier Milliarden Mark muss die Bahn in den kommenden Jahren allein bei den Personalkosten einsparen, um dann wenigstens das Niveau anderer Bahnunternehmen zu erreichen. Hunderte Bahnstrecken müssen darauf hin überprüft werden, ob es überhaupt so viele Kunden gibt, dass es sich lohnt, jeden Tag einen teuren Zug fahren zu lassen - oder ob man die Fahrgäste nicht lieber mit Bussen oder Taxis transportiert. Es sei eine gewaltige Aufgabe, befand Bahnchef Hartmut Mehdorn, als er unlängst eingestehen musste, dass sein Unternehmen im vergangenen Jahr mehr Geld ausgegeben als eingenommen hat. Darf der Bahnchef diese gewaltige Aufgabe allerdings lösen, indem er kühl kalkulierend an sein Unternehmen rein marktorientierte Maßstäbe anlegt? Darf er so weit gehen, seinen 240 000 Mitarbeitern das Bündnis für Arbeit aufzukündigen und ihnen mit Rausschmiss zu drohen?

Hartmut Mehdorn darf das nicht nur. Er muss es sogar. Kein geringerer als der Bundestag hat ihn dazu verpflichtet. Zur Erinnerung: Die staatliche Bahn ist im Laufe der Jahrzehnte im Spannungsfeld unterschiedlicher gesellschaftlicher Bedürfnisse zu einer unbeherrschbaren und für die öffentlichen Haushalte nicht mehr finanzierbaren Mammutbehörde angeschwollen. Nur eine Privatisierung, erkannte der Gesetzgeber Mitte der neunziger Jahre, kann aus dem bewegungsarmen Supertanker in Zukunft eine Transporteinrichtung werden lassen, die bezahlbar ist und mit der die Kunden zufrieden sind. Indem sich Deutschland für die Bahnreform entschied, stellte das Land die Weichen für eine unternehmerische Zukunft der Bahn.

Nun darf man vor den Konsequenzen nicht die Augen verschließen. Mehdorn tut genau das, was schon viel früher hätte getan werden müssen - erst vom Bahnchef Heinz Dürr und dann von seinem Nachfolger Johannes Ludewig. Er stellt unbequeme Fragen an alle unrentablen Bereiche des Unternehmens. Er negiert sinnlose Strukturen und persönliche Pfründe, die in der Vergangenheit entstanden und inzwischen schier unantastbar geworden sind. Er versucht, das größte deutsche Transportunternehmen in die Zukunft zu retten. Auch wenn dann nicht mehr jeder, der heute dort arbeitet, dabei sein wird, und auch nicht jeder noch so kleine Punkt A mit dem benachbarten Punkt B durch ein Bahngleis verbunden ist.

Deutschlands Verkehrspolitiker müssen dem Bahnchef - wenn sie sich jetzt nicht von der Bahnreform verabschieden und die Bahn wieder in ein steuerfinanziertes Ministerium zurück führen wollen - zur Seite stehen. Denn auch ein profitables Unternehmen Bahn braucht verkehrspolitische Rahmenbedingungen, die ihm Wettbewerbsgleichheit mit der Konkurrenz auf der Straße, in der Luft und auch der Schiene garantieren. Insofern soll Bundeskanzler Schröder die Bahn jetzt nicht nur retten. Er muss es sogar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben