Wirtschaft : Mehr als nur ein Nervenkitzel

Am Sonntag wird getestet, ob das Riesenflugzeug A380 schnell evakuiert werden kann – für den Erfolg des Projekts ist das wichtig

Flora Wisdorff

Berlin - Am Sonntagnachmittag werden rund 850 Menschen eineinhalb unangenehme Minuten erleben. Sie werden im größten Flugzeug der Welt sitzen und die Katastrophe simulieren, die eigentlich keiner erleben möchte. Im Dunkeln werden die Probanden aus dem Airbus 380 gescheucht werden. Vom oberen Deck aus müssen sie einen Sprung 7,50 Meter in die Tiefe wagen. Trotz Rutsche sind Prellungen und Knochenbrüche dabei keine Seltenheit. Innerhalb der 90 Sekunden sollen alle draußen sein – idealerweise.

Der Evakuierungstest des A380 ist eine von vielen Anforderungen, die das neue Flugzeug erfüllen muss, um von den zuständigen Behörden zugelassen zu werden. Die „Certifications specifications 25 for large aeroplanes“, eine Art Tüv-Regelwerk für Flugzeuge, verlangen viel, damit eine Maschine fliegen darf. Insgesamt fünf Jahre dauern diese Prozeduren normalerweise. Ein Jahr nach dem Erstflug erteilen die europäischen und amerikanischen Behörden üblicherweise grünes Licht für den regulären Flugbetrieb.

Der Erstflug des A380 liegt jetzt schon mehr als ein Jahr zurück. Ende 2006 soll die Zulassung erst kommen – das ist knapp. Denn dann sollen auch die ersten Maschinen an den Kunden Singapore Airlines ausgeliefert werden. „Das Programm ist sehr dicht“, sagt auch Daniel Höltgen von der Europäischen Zulassungsbehörde EASA (European Aviation Safety Agency). Sie entscheidet mit der US-Behörde FAA, ob und für wie viele Passagiere der A380 zugelassen wird.

Für die Probanden, die aus 11000 Bewerbern nach Fitness und Koordinierungsfähigkeit ausgewählt wurden, ist der Test ein Nervenkitzel, der jedem 60 Euro bringt. Für Airbus ist es mehr als nur ein Nervenkitzel. Denn der Evakuierungstest ist der Teil des Zulassungsverfahrens, auf den die Öffentlichkeit blickt – und deshalb auch die Konkurrenz in Gestalt des US-Herstellers Boeing.

Als der A380 in Bolivien und Kolumbien in bis zu 4000 Metern Höhe startete, um die Flugzeug-Materialien auf ihre Höhentauglichkeit zu testen, oder als in Kanada die Resistenz der Maschine gegen Kälte erkundet wurde, erregte das kein Aufsehen. Bei der Evakuierung ist das etwas anderes. Jeder, der einmal in einem Flugzeug saß, hat sich diese Situation schon einmal vorgestellt.

Beim A380 ist die Evakuierung zudem etwas Besonderes, weil das Flugzeug einen Rekord aufstellt: Noch nie sind mehr als 800 Menschen in einer Maschine geflogen. In der normalen Drei-Klassen-Ausstattung gibt es im A380 allerdings nur Platz für 555 Sitze. In den Jumbojet von Boeing passen in der gleichen Konfiguration 416 Passagiere.

Airbus hat die Erwartungen für den Test bereits nach unten geschraubt: Sollten es 650 Probanden schaffen, das Flugzeug in 90 Sekunden zu verlassen, sei man mit dieser Zulassung erst einmal zufrieden, sagt ein Sprecher. Denn bisher gebe es noch keinen Kunden, der das Flugzeug mit mehr Sitzen ausstatten wolle. Und selbst der Plan, 650 Sitze einzubauen, sei ungewöhnlich. Der Kunde Emirates wolle die Maschine für Pilgerreisen nutzen.

Experten sehen das anders. In den Augen von Stephan Klepp, Analyst der Landesbank Rheinland-Pfalz, ist das Gelingen des Evakuierungstests sehr wichtig für Airbus. „Der Erfolg des A380 ist im Aktienkurs des Mutterkonzerns EADS bereits eingepreist. Sollte der Test am Sonntag scheitern, wird sich das negativ auf den Aktienkurs auswirken.“ Eine erfolgreiche Evakuierung sei vor allem für die Außenwirkung wichtig. „Wenn irgendetwas nicht nach Plan läuft, wird Boeing damit hausieren gehen“, sagt Klepp. Von den A380-Maschinen hat Airbus bereits 159 Stück verkauft. Damit sich das zwölf Milliarden Euro teure Projekt rechnet, müssen aber mindestens 250 Maschinen veräußert werden.

Als kritische Größe betrachtet Klepp auch die Zahl der Passagiere, für die das Flugzeug zugelassen wird. „Die Passagierkapazität des A380 ist schließlich immer als Verkaufsargument angeführt worden, weil so die Kosten pro Passagier sinken. Wenn es weniger werden, als ursprünglich geplant, schwächt das die Verkaufsposition von Airbus“, sagt Klepp.

Einen Vorgeschmack auf negative Schlagzeilen und Nervosität an den Finanzmärkten lieferte bereits ein Vorfall im Februar. Damals waren bei einer Testmaschine die Flügel gerissen. Zwar nur ganz kurz vor dem Erreichen der absoluten Maximalbelastung, die sie überstehen müssen. Der Aktienkurs brach dennoch kurzfristig um 15 Prozent ein.

Airbus verkündet nun immer wieder, man solle die Vorkommnisse nicht dramatisieren, solche Pannen seien normal. Die Flügel, die nun verwendet würden, seien schon wieder anders konstruiert als die mit den Rissen. Der Beweis, dass die neuen Flügel den „ultimate load“, wie es im Fachjargon heißt, aushalten, stehe allerdings noch aus, heißt es bei der Zulassungsbehörde. „Wir analysieren noch“, sagt ein Airbus-Sprecher.

Heikel sind solche Pannen nicht nur wegen des Imageschadens und möglicher Abstürze des Aktienkurses. Wenn die Auslieferung der ersten A380-Maschinen wegen einer verspäteten Zulassung noch weiter verzögert werden sollte, könnte das für Airbus teuer werden. Mehr als sechs Monate Wartezeit müssen Kunden wie Singapore Airlines oder Air France schon jetzt in Kauf nehmen. Experten rechnen bereits mit Strafzahlungen für Airbus in zweistelliger Millionenhöhe.

Zwar argumentiert Airbus, der Evakuierungstest könne beliebig oft wiederholt werden. Bei der Zulassungsbehörde sieht man das aber anders. Nächste Woche könne ein zweiter Test stattfinden. Sollte es wieder nicht klappen, müsse man sich neu zusammensetzen und sehen, ob „nicht auch etwas an der Konstruktion geändert werden muss, bevor ein neuer Test stattfindet“, sagt EASA-Sprecher Höltgen.

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