Wirtschaft : Mehr als nur Homo Oeconomicus

KATHRIN SPOERR

Ein Vorwurf, den sich der Kapitalimus gefallen lassen muß, lautet, er sei unmoralisch.Er strebe nur nach einem: nach Profit, nach Nutzen, nach Geld.Geld, das universale Tauschmittel, das jedem Gegenstand und jeder Ware, aber auch jeder Arbeitskraft und damit jedem Menschen einen Wert zuordnet, ist zugleich ein Synonym für die Skrupellosigkeit des Kapitalismus.Wenn der Mensch schlecht ist, ist er es wegen des Geldes.Andersherum liegt im Verzicht auf Geld etwas Moralisches.

Gesellschaftssysteme mit moralischem Anspruch - wie der Sozialismus - haben deswegen folgerichtig die geldfreie Gesellschaft zum Ziel.Sie wurde beispielsweise auch den Bürgern der DDR in Aussicht gestellt.Allerdings konnte die Propaganda im real existierenden Sozialismus nicht verhindern, daß die Bürger große Augen bekamen bei dieser Vorstellung.Das Ideal vom sozialistischen Menschen, der mit dem Geld auch das kapitalistische Akkumulationsstreben verwirft, mutierte bei den meisten ins Gegenteil, den Traum vom Großen Fressen: in einen Laden gehen zu können und die Dinge einfach und in großen Mengen herauszuschleppen - ohne zu bezahlen.Selbst die mindere Qualität sozialistischer Konsumgüter nahm der Vorstellung von unengeltlicher Selbstbedienung nicht ihren Charme.

Hier bestätigte sich die in den Wirtschaftswissenschaften zugrunde liegende Annahme über den Charakter des Menschen: Er ist unersättlich.Diese Annahme spiegelt sich in fast jeder unserer Entscheidungen.Wir wollen vom besten das meiste.Zum geringsten Preis.Ohne diese Annahme gäbe es die ökonomische Wissenschaft in ihrer jetzigen Form gar nicht.Die Gier des Menschen macht den Menschen berechenbar.Sie macht es auch möglich, ökonomisches Handelen auszurechnen.

Die Marktwirtschaft widerspiegele "die Natur des Menschen selbst", hat der tschechische Präsident Vaclav Havel kürzlich formuliert.Auf den ersten Blick leugnen die sogenannten ethischen Geldanlagen diese "Natur des Menschen".Alle diese Anlagen versprechen, Geld auf "saubere Weise" zu verdienen.Dabei geht es um verschiedene Arten von Sauberkeit.Zuerst um die tatsächliche Sauberkeit, die Umweltverträglichkeit."Ökofonds" werben damit, ihre Renditen nicht durch die Investition in Unternehmen zu verdienen, die in irgendeiner Weise die Umwelt schädigen.In der Ökonomie ist das Problem der unkontrollierbaren Beeinträchtigung der Umgebung als "externer Effekt" bekannt.Externe Effekte sind Kosten, die der Allgemeinheit dadurch entstehen, daß einzelne ihre privaten Interessen verfolgen: zum Beispiel einen Fluß verschmutzen, weil sie mit chemischer Industrie Geld verdienen wollen.

In zweifacher Weise verhalten sich Anleger in solchen Fonds ökonomisch: Sie vertrauen der Macht des Konsumenten.Wenn saubere Produkte nachgefragt werden, dann werden sie auch angeboten.Unternehmen werden sich also angespornt fühlen, den Umwelt-Aspekt in ihre Entscheidungen einfließen zu lassen.Denn wenn früher beispielsweise eine Kläranlage nur die Kosten in die Höhe getrieben hat, wird der Unternehmer nun dafür bestraft, daß er sie nicht baut.Der negative Effekt ist nicht mehr "extern", sondern er wurde, wie die Ökonomen sagen, "internalisiert", das heißt zum Bestandteil der betrieblichen Kostenrechnung.Der Käufer eines Ökofonds, der auf den ersten Blick marktfremd wirkt, hat also in Wahrheit ein sehr hohes Vertrauen in das Funktionieren der Marktkräfte.

Auch der Verzicht auf die maximale Rendite macht Anleger in Ökofonds nicht zum unökonomisch denkenden Menschen.Längst ist die ökonomische Wissenschaft von der utilitaristischen Urthese abgerückt, daß sich Nutzen nur in Geld messen lasse.Nutzen kann also für den einzelnen in ganz anderer Weise zutage treten: zum Beispiel im Bewußtsein, der Umwelt nicht zu schaden.

Im Prinzip ähnlich verhält es sich mit den Fonds, die den Anlegern versprechen, in "saubere" Projekte der dritten Welt zu investieren.In die ökonomische Entscheidung der Anleger fließt ein zusätzlicher Parameter ein: Der eigene Reichtum soll nicht auf dem Rücken der Menschen in den armen Ländern verdient werden.Dabei ist es egal, ob sie in Unternehmen investieren, die damit werben, in der dritten Welt zu fairen Bedingungen zu produzieren, oder sich in Fonds einkaufen, die direkt in einem Entwicklungsland tätig sind.Auch hier vertraut der Anleger auf die positive Wirkung seines Geldes: als Anreiz, anders zu wirtschaften.

Der Kapitalismus muß sich also nicht sorgen.Investoren in ethische Geldanlagen sind keine Umstürzler.Sie stellen das System der Marktwirtschaft noch nicht einmal in Frage.Im Gegenteil.Sie nutzen die Prinzipen des Marktes aus und schaffen es so, den Kapitalismus auf der einen und ihr Gewissen auf der anderen Seite in Einklang zu bringen.Anleger in Ökofonds haben mit dem Kapitalimus ihren Frieden zu machen.Denn am Ende steht auch bei ihnen das Ziel, Geld zu verdienen - wenn auch nicht soviel.Sie beweisen der Wirtschaftwissenschaft lediglich, was diese ohnehin schon weiß.Daß der Mensch kein "Homo Oeconomicus" ist.Oder jedenfalls nicht nur.

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