Wirtschaft : „Mehr Arbeit für gleiches Geld“

Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber über Sparzwänge, die Vogelgrippe und die Rolle des Staates im Luftverkehr

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Herr Mayrhuber, in Asien breitet sich die Vogelgrippe aus. Kommt jetzt nach Sars die nächste Krise für die Lufthansa?

Nein. Bis jetzt hat sich das auf die Buchungen nicht ausgewirkt. Nachdem sich der Krankheitsfall in Hamburg nicht bestätigt hat und Experten darüber aufklären, wie sich die Krankheit überträgt, glaube ich nicht, dass dieses Mal Hysterie ausbricht. Jeder, der sich zu diesem Thema äußert, muss seine Verantwortung kennen und wahrnehmen.

Wenn alles so gut läuft, warum wollen Sie dann bei den Mitarbeitern sparen?

Wir müssen insgesamt die Kosten senken. Deshalb brauchen wir eine konzertierte Aktion innerhalb der Belegschaft der Lufthansa – mehr Arbeit für gleiches Geld. Das heißt dann aber auch: Mehr Perspektive und mehr Geld zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es wieder besser läuft und auch die Konjunktur wieder angezogen hat. Die Gewerkschaften sind bereit zum Gespräch, Termine mit allen Berufsgruppen sind bereits vereinbart.

Wieviel Mehrarbeit verlangen Sie?

Das kann man nicht pauschal sagen. Bei den Piloten könnte ich mir im Tarifvertrag ein gleitendes Arbeitszeitkonto vorstellen, bei den Flugbegleitern Schichtplanveränderungen. Lehrlinge, die übernommen werden, könnten mit einem geringeren Urlaubskonto starten. Da gibt es viele Möglichkeiten. In diesem Jahr muss es Entscheidungen geben – denn ich muss wissen, ob wir wachsen, ob wir neue Flugzeuge bestellen, oder ob wir uns anders ausrichten müssen.

Sie haben den Reisebüros die Provisionen gestrichen – werden die Tickets jetzt teurer?

Wir haben ein Modell verändert, das nicht mehr in die Zeit passt. Das Reisebüro ist heute Makler des Kunden: Er bestimmt den Umfang der Leistung und das Reisebüro macht ihm Vorschläge, berät ihn und bucht. Die Preise werden transparenter, weil der Kunde dann zwischen dem Preis für den Flug und der Servicegebühr für die Beratung unterscheiden kann. Wie sich Preise entwickeln, entscheidet der Markt. Natürlich führen auch wir diese Servicegebühr für Flüge ein, die man direkt bei der Lufthansa bucht. Der Preis wird für Deutschland- und Europaflüge bei 30 Euro liegen. Wir verkaufen etwa acht Prozent unserer Tickets selber – 92 Prozent gehen über die Reisebüros. Dort gibt es ohne die feste Provision mehr Wettbewerb .

Wird die Lufthansa die Kurzstrecken bald den Billigfliegern überlassen?

Nein, bestimmt nicht. Es wird eine Konsolidierung geben, das geht einher mit der Liberalisierung des Marktes. Aber es wird weiterhin drei unterschiedliche Airlinesysteme geben: Charter, Netzwerk, und Billigflieger. Die drei Systeme ergänzen sich – nur hin und wieder gibt es Überschneidungen.

Der größte europäische Billigflieger, Ryanair, muss an die Region Charleroi Subventionen zurückzahlen. Sind Sie zufrieden?

Ja. Grundsätzlich und auch als Steuerzahler bin ich der Meinung, dass der Staat sich im Luftverkehr nicht einmischen sollte. Nach 80 Jahren haben wir endlich den Luftverkehr dereguliert, Subventionen sind seit zehn Jahren tabu. Da kann es nicht angehen, Beihilfen in ein neues Geschäftsmodell wieder miteinzubauen.

Andererseits fordern Sie, dass der Staat für die Sicherheitsmaßnahmen wegen des Terrors aufkommen soll.

Der Staat hat die Aufgabe, für die Sicherheit zu sorgen. Wenn beim Spiel von Schalke 04 oder bei der Bahn Sicherheit in den öffentlichen Bereich fällt, dann ist mir nicht klar, warum der Passagier Sicherheit beim Luftverkehr mit Gebühren bezahlen soll. Der Kunde zahlt mit Steuern und Gebühren doppelt.

Soll Innenminister Schily alle Kosten zahlen?

Wir wollen nicht, dass wie in den USA alles vom Staat bezahlt wird. Die Sicherheit auf den Flughäfen ist jedoch eine hoheitliche Aufgabe. In den USA hat der Staat beispielsweise den Einbau von schussfesten Cockpittüren finanziert, wir haben dafür selbst Millionen-Euro-Beträge in die Hand genommen. Diese gänzlich unterschiedliche Praxis beim gleichen Sachverhalt in einem international geprägten Geschäft wie dem Luftverkehr verzerrt den Wettbewerb zu Lasten des Wirtschaftsstandortes Deutschland, von Investitionen und Arbeitsplätzen hier.

Kommt denn nun in diesem Jahr die Wende, gehen die Menschen wieder mehr auf Reisen?

Das hängt davon ab, wie die Wirtschaft floriert. Im vergangenen Jahr ist Deutschland Schlusslicht in Europa gewesen. Aber ich denke, dass die jetzt eingeleiteten Reformen ein Hoffnungsschimmer sind dafür, dass die Verunsicherung beim Konsumenten aufhört, er wieder Mut fasst und Geld für das Reisen ausgibt. Mit einem virtuellen Handschlag kann man schließlich kein Geschäft machen, da müssen die Unternehmer schon vor Ort reisen. Eine anziehende Konjunktur ist eine Chance.

Hat sich die Investition in eine neue Businessklasse auf Langstrecken mit neuen Sitzen denn gelohnt?

Ein absoluter Volltreffer. Unsere Kunden machen Druck, wollen das neue Produkt erleben. Wir fliegen heute mit fünf Flugzeugen. In den nächsten Wochen kommen weitere fünf, und im Sommer werden es 19 sein. 2005 wird der größte Teil unserer Flotte umgerüstet sein. Auch im Deutschland- und Europaverkehr soll der Kunde in der neuen Businessklasse erleben können, warum er mehr bezahlt als in der Economy-Class.

Wenn also die Konjunktur wieder anzieht, sind alle Probleme gelöst?

Nein. Wir müssen in Deutschland auch die Infrastrukturkosten für den Luftverkehr senken, beispielsweise die Flughafengebühren oder Kosten für Flugsicherungsleistungen. Die Flugsicherung muss privatisiert werden. Zusammen mit den Flughäfen Frankfurt und München, der Deutschen Flugsicherung und dem Verkehrsministerium haben wir im vergangenen Jahr die „Initiative Luftverkehr für Deutschland“ gestartet. Es geht darum, den Standort Deutschland für den Wettbewerb im wachsenden Europa fit zu machen.

Das heißt?

Ein Ziel ist, die Kosten hier 2004 und 2005 jeweils um zehn Prozent zu reduzieren. Die Kosten für Sicherheitskontrollen liegen zum Beispiel bei uns 60 Prozent über dem europäischen Durchschnitt – und das ist nicht akzeptabel. Die Einsparungen bieten die Möglichkeit in bessere Qualität für den Kunden zu investieren. Das schafft Mehrwert für den Kunden und für den Standort.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

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