Wirtschaft : Mehr Bildung in der Ausbildung

Die Gewerkschaften fordern wieder einmal eine Lehrstellenabgabe – die Arbeitgeber eine bessere Qualifizierung der Jugendlichen

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Berlin. Die IG Metall fordert angesichts der Ausbildungsplatzlücke in diesem Lehrjahr eine Strafabgabe von bis zu 12000 Euro im Jahr für die Unternehmen, die nicht ausbilden. Wer nicht ausbilde, dürfe in ein paar Jahren nicht über eine Facharbeiterlücke jammern. Die Unternehmerverbände wiesen das zurück. Wer etwas für die Bereitschaft der Unternehmen, mehr auszubilden, tun wolle, der solle den zweiten Berufsschultag streichen, schlugen die Arbeitgeber vor.

Der zweite Berufsschultag ist vor allem für kleine und mittlere Unternehmen ein Ärgernis. Die Auszubildenden gingen bis mittags zur Schule – und dann nach Hause. Würde die Berufsschule nur an einem Tag und dafür ganztags abgehalten, könnten die Ausbildungsbetriebe ihren betrieblichen Ausbildungsverpflichtungen besser nachkommen, argumentieren die Mittelstandsverbände.

Das aber ist längst nicht alles, was am deutschen Ausbildungssystem im Augenblick nicht funktioniert: Weil ihre Qualifikation nicht ausreicht, scheitern immer mehr Jugendliche an den Anforderungen der regulären Berufsausbildung. „Viele Jugendliche haben Schwierigkeiten, die komplexen Inhalte neuer Berufe wie zum Beispiel der Computertechniker zu meistern“, sagt Volker Rebhahn, Referatsleiter Ausbildungsvermittlung bei der Bundesanstalt für Arbeit (BA). „Die Vorkenntnisse von Real- und Hauptschülern reichen oft nicht aus.“ Wichtig sei, den jungen Leuten erst einmal grundlegende Tätigkeiten beizubringen. „Man sollte ruhig mit geringeren theoretischen Anforderungen anfangen und in weiteren Stufen mehr Fachkenntnisse aufbauen.“ Ende des Jahres will die Bundesanstalt für Arbeit (BA) dem Wirtschaftsministerium Vorschläge für stufenweise Ausbildungsgänge unterbreiten.

Ein entsprechender Modellversuch läuft in Berlin seit vier Jahren. Junge Erwachsene ohne Berufsausbildung werden zu Bürokaufleuten ausgebildet. Sie absolvieren neben ihrer Arbeit verschiedene Ausbildungsmodule und legen Zwischenprüfungen ab. „Wer länger als drei Jahre braucht, kann sich mehr Zeit lassen“, erklärt Joachim Dellbrück vom Projektträger BBJ Consult AG. Mittlerweile haben mehr als 150 Teilnehmer diese modulare Qualifizierung abgeschlossen.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, will solche Ansätze künftig stärker fördern. 15 Prozent aller Auszubildenden sind seiner Ansicht nach im herkömmlichen System „nicht ausbildungsfähig“. Deshalb will er die Ausbildungszeit für Lehrlinge auf zwei Jahre verkürzen und eine anschließende Weiterqualifizierung anbieten. Seit 1974 gibt es dafür Beispiele im Baugewerbe. In 15 der 17 Ausbildungsberufe ist dort eine zweijährige Ausbildung zum Spezialbaufacharbeiter möglich. Das Ergebnis: Wer die zwei Jahre geschafft hat, der versucht auch das dritte Jahr. Nur etwa ein bis zwei Prozent verzichten dauerhaft auf den Gesellenbrief.

Von einer pauschalen Verkürzung der Ausbildung hält Dieter Philipp, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), nichts: „Mehr denn je sind die Handwerksbetriebe auf qualifizierten, leistungsstarken Nachwuchs angewiesen. Eine generelle Verkürzung der Ausbildungszeiten auf zwei Jahre ist nicht der richtige Weg.“ Um andererseits lernschwachen Bewerbern wieder eine Perspektive zu bieten, hält er gestufte und differenzierte Ausbildungsgänge für richtig.

Davon ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) weniger überzeugt: „Unsere Jugendlichen brauchen eine breite Grundausbildung, wenn sie in ihrem Beruf Zukunftschancen haben wollen“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock. Diese sehe sie durch eine Theorieverkürzung gefährdet. Das Kernproblem liegt für sie bei den fehlenden Ausbildungsplätzen in den Betrieben. „Nichtbetriebliche Ausbildung sollte deshalb den Makel der Notlösung loswerden“, sagt Sehrbrock. Stattdessen sollten Jugendliche dort gezielt gebildet werden. „Man sollte die Leute nicht in irgendwelche Programme stecken, damit sie dort ihre Warteschleifen drehen“, meint Sehrbrock. Susanne Herr

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