Wirtschaft : Mehr Einsatz

Eine Investition in die Zukunft: Unternehmen wollen verstärkt ihre Mitarbeiter weiterbilden – auch in Berlin

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Manchmal erkennen Menschen, die ihre Berufstätigkeit für ein, zwei Jahre unterbrechen, ihren Job bei der Rückkehr nicht mehr wieder. Weil die Firma inzwischen mit anderer Software arbeitet, der neue Hauptkunde ganz andere Anforderungen stellt oder plötzlich neue Technologien und Geräte eingesetzt werden. „Ich kam mir sowas von fehl am Platz vor“, erinnert sich Peter Horer, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Nach seiner beruflichen Auszeit fand der Ingenieur in seiner Firma keinen Anschluss an die neuen Arbeitsabläufe, eine Fortbildung hatte ihm sein Chef allerdings auch nicht angeboten. Horer hatte keine Motivation mehr. Er kündigte. „Mein neuer Arbeitgeber ist da ganz anders“, sagt der Ingenieur. Der Chef lege ihm ständig Fortbildungsangebote auf den Tisch.

Mit diesem Interesse ist Horers neuer Arbeitgeber nicht allein: Laut einer Online-Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die im Mai veröffentlicht wurde, wollen 38 Prozent der befragten Betriebe „ihr Engagement in der Weiterbildung ausbauen“. Ein deutlicher Anstieg: 2010 wollten das nur 25 Prozent, 2009 sogar nur jedes zwölfte Unternehmen. Zwei Prozent der insgesamt 14 000 Befragten gaben an, ihr Angebot zu reduzieren. Etwa 60 Prozent beabsichtigen, das bisherige Niveau zu halten.

Und wie sieht es in Berliner Betrieben aus? Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat beim Thema Fort- und Weiterbildung die Langstrecke im Auge: Die BSR lege großen Wert auf die fachliche Qualifikation ihrer Mitarbeiter – und zwar auch, um frei werdende Positionen wieder mit gut ausgebildeten Mitarbeitern besetzen zu können. „Fortbildung spielt für unsere Personalentwicklung eine wichtige Rolle“, erklärt Pressesprecherin Sabine Thümler. Das lebenslange Lernen fördert die BSR einerseits durch Fortbildungen im eigenen Haus, zum Beispiel Gesundheitsangebote oder Englischkurse. Die Trainer kommen sowohl aus dem Haus als auch von außen. Unterstützt werden aber auch Mitarbeiter, die sich nach der Arbeit weiterbilden, etwa noch ein Studium beginnen oder eine Weiterbildungsmaßnahme. Für die externe Weiterbildung ihrer Mitarbeiter übernimmt die BSR einen Teil der Kosten – allerdings nicht in jedem Fall: „Die Weiterbildungen müssen mit den Vorgesetzten abgesprochen werden.“ Es liege im Ermessen der Führungskraft, ob ein solcher Kurs mit den Arbeitszeiten vereinbar sei.

2010 gab es bei der BSR rund 9000 Fortbildungstage – 4800 davon im gewerblichen Bereich, also bei den Männern und Frauen, die in Orange auf den Straßen unterwegs sind. Thematisch ging es in diesen Kursen zum Beispiel um neue Fahrzeugtechniken oder kraftstoffsparendes Fahren. „Das Interesse an Fortbildungen ist in allen Abteilungen gleichermaßen hoch“, sagt Sabine Thümler.

Eine wichtige Rolle spielt das lebenslange Lernen auch an der Gesundheitsakademie der Charité. Für die Aus- und Weiterbildung gibt es dort eine eigene Abteilung: „Die Angebote stehen auch externen Teilnehmern offen“, sagt die Bereichsleiterin Karin Abel. Zu den Nutzern gehören zum Beispiel die Beschäftigten von Vivantes und die Bundeswehr. Im Krankenhaus-Bereich sei die Fort- und Weiterbildung ein wichtiges Thema: Denn die Zahl der qualifizierten Fachkräfte muss aus gesetzlichen Gründen sichergestellt werden. Das Angebot an der Akademie deckt viele Bereiche ab: Neben Kursen, in denen die Teilnehmer ihre berufsspezifische Fachkompetenz weiter ausbauen können, gibt es Veranstaltungen zur Kommunikations- und Methodenkompetenz, zu IT, Recht und Ethik. Außerdem gibt es Veranstaltungen, die speziell auf den Bedarf von Führungskräften und Dozenten zugeschnitten sind.

Mitarbeiter, die sich weiterbilden wollen, müssen ein internes Auswahlverfahren durchlaufen. „Momentan haben wir mehr Interessenten als Plätze“, erklärt Karin Abel. Im vergangenen Jahr haben etwa 4500 Mitarbeiter der Charité an Fort -und Weiterbildungen der Gesundheitsakademie teilgenommen. Die Gebühren für ihre Mitarbeiter übernimmt die Charité. Die Teilnahme an den Veranstaltungen wird als Dienstzeit angerechnet.

Dass steigende Interesse der Unternehmen an Weiterbildungsmaßnahmen erklärt die IHK Berlin vor allem mit einem Ziel: der Fachkräftesicherung. 2009 zum Beispiel beklagten 26 Prozent der Berliner Unternehmen in einer Umfrage, dass sie – trotz Wirtschaftskrise und Rezession – Schwierigkeiten hätten, offene Stellen zu besetzen. 53 Prozent der Berliner Firmen setzen nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) auf die betriebliche Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Dabei sei es den Unternehmen wichtig, dass die Weiterbildung „betriebsspezifisch“ sei, also einen stärkeren Schwerpunkt auf die betrieblichen Anforderungen lege – und sich Mehrinvestitionen bald rechneten. Zum Beispiel, indem ein Mitarbeiter schnell eine höhere Position im Unternehmen besetzen kann. Wichtig sind betriebsspezifische Qualifikationen auch, weil die Kenntnisse nur in einem spezifischen Unternehmen eingesetzt werden können. Und somit das Risiko sinkt, dass die Mitarbeiter ihr neues Wissen mit zur Konkurrenz nehmen.

„In Zukunft werden passgenaue Weiterbildungsangebote noch stärker gefragt sein“, sagt IHK-Bildungs-Geschäftsführer Christoph von Knobelsdorff. Die Länge einer Weiterbildung hänge vom Bedarf ab. Wenn ein Unternehmen also weiß, ob das Weiterbildungsthema eher viel oder weniger Zeit in Anspruch nimmt, kann es sich für eine begleitende Seminarform abends oder am Wochenende beziehungsweise für eine Art Block-Seminar entscheiden.

Schwieriger wird es, wenn Unternehmen ihren Bedarf nicht ausreichend artikulieren können. „Hier ist der Bildungsträger gefordert, gut zu hinterfragen“, sagt Christoph von Knobelsdorff. Und zwar, bevor ein Unternehmen und seine Mitarbeiter in eine bestehende Maßnahme „gepresst“ würden. Gut artikulieren sollte sich das Unternehmen auch gegenüber den Mitarbeitern: „Es ist wichtig, dass der Mitarbeiter den Mehrwert der Weiterbildung für sich und das Unternehmen erkennt.“ Es sei die Aufgabe des Unternehmens, dies darzulegen und den Mitarbeiter so zu motivieren.

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