Wirtschaft : Mehr Geld für 1,8 Millionen Arbeitnehmer

Die Großgewerkschaft führt ständig Tarifverhandlungen/ In der Industrie steigen die Tarife stärker

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Das Jahr ist erst zur Hälfte um und doch haben sich bereits rund 100 Verdi-Verhandler mit den Arbeitgebern aus einem Dutzend Branchen auf neue Tarife geeinigt. Bis jetzt hat die Gewerkschaft bundesweit für 1,8 Millionen Arbeitnehmer neue Löhne und Gehälter ausgehandelt. Pfleger in Berlin, Verkäuferinnen in Stuttgart und Lastwagenfahrer in Bochum sind genauso dabei wie Krankenschwestern und Versicherungsangestellte in der ganzen Republik.

Immer wieder gab es in den Tarifrunden dieses Jahres auch Arbeitskämpfe. Trotz des Aufschwungs. Erst nach Warnstreiks hat sich Verdi vor gut zwei Wochen mit der Fluglinie Easyjet geeinigt. Bisher bekam zum Beispiel eine neu bei Easyjet eingestellte Flugbegleiterin im Schnitt rund 2000 Euro brutto im Monat, ältere Kolleginnen und Kollegen erhielten etwa 2250 Euro. Nun soll das Gehalt aller 350 Beschäftigten am Flughafen Berlin-Schönefeld, wo Easyjet seinen Deutschlandsitz hat, steigen. Und dann bekommen Stewardessen – wie auch bei anderen Airlines üblich – bis zu 2400 Euro. Kurz zuvor waren sich Verdi und die Versicherungskonzerne einig geworden: Für bundesweit 170 000 Versicherungsangestellte gibt es ab September rund drei Prozent mehr Lohn und im Oktober nächsten Jahres folgt eine Erhöhung um 2,2 Prozent.

Über Berlin hinaus fand der Streik an Europas größter Universitätsklinik Beachtung: Für die 10 000 Schwestern, Pfleger und Techniker der Berliner Charité hatte Verdi eine Angleichung an bundesweit übliche Löhne gefordert. Nicht zuletzt wegen des klammen Budgets des verschuldeten Krankenhauses blieb die Klinikleitung hart. Erst nachdem 2000 Pflegekräfte fünf Tage lang gestreikt hatten, legte sie ein verbessertes Angebot vor. Pro Tag waren bis zu 200 Behandlungen und damit Millionen Euro an Krankenkassenzahlungen ausgefallen. Eine Vollzeit- Charité-Schwester mit Nachtschichtzulagen und zehn Berufsjahren erhielt bislang im Schnitt 2450 Euro brutto im Monat. Verdi und die Krankenleitung einigten sich schließlich darauf, dass bis Ende 2015 schrittweise 300 Euro mehr gezahlt werden.

Im März dieses Jahres hatte sich die Gewerkschaft mit der Telekom geeinigt. Nach den Schlichtungsverhandlungen unter der Leitung des früheren Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) stand fest: Die Gehälter der 60 000 tariflichen Mitarbeiter des Konzerns werden um 3,15 Prozent steigen. Da es für die ersten drei Monate 2011 jedoch keine Erhöhung gibt, beträgt der Lohnzuwachs für das laufende Jahr nur 2,2 Prozent – was nicht allen Verdi-Mitgliedern bei der Telekom gefiel. Ebenfalls im März hatte die Gewerkschaft für die fast 600 000 Angestellten der Bundesländer mehr Geld erstritten. Verdi und andere Gewerkschaften hatten fünf Prozent mehr Lohn gefordert. Schließlich schloss man mit 2,3 Prozent für dieses und 2,55 Prozent für kommendes Jahr ab.

Insgesamt lagen die Tarifabschlüsse 2011 bislang über denen des Vorjahres – allerdings vor allem wegen der Ergebnisse in der Industrie, wo nicht Verdi, sondern deren DGB-Schwestergewerkschaften verhandeln. In den Chemiebetrieben etwa gab es vier Prozent mehr Lohn, da kam Verdi nicht ran. Und wenn die Löhne und Gehälter nicht stärker als 2,5 Prozent steigen, wird die Tariferhöhung in diesem Jahr durch die steigenden Preise aufgefressen. Und das im zweiten Aufschwungjahr.

Noch völlig offen ist der Ausgang der Tarifrunde für die bundesweit 14 000 Redakteure der Tageszeitungen, die dem Arbeitgeberverband angehören. Nach Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen hatten sich zuletzt auch in Bayern die gewerkschaftlich organisierten Journalisten für Streik ausgesprochen. Verdi und der Journalistenverband fordern den Erhalt von Tarifrechten wie dem Urlaubsgeld und vier Prozent mehr Geld.Hannes Heine

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