Wirtschaft : Mehr Spielraum für die Löhne

Tarifbilanz 2006: Preise steigen stärker als Einkommen / Metalltarifrunde beginnt am heutigen Dienstag

Alfons Frese

Berlin - Die Gewerkschaften sind im vergangenen Jahr unter ihren Möglichkeiten geblieben – was die Höhe der Tarifabschlüsse betrifft. Im Schnitt stiegen die Tarifeinkommen um 1,5 Prozent; Preise und Produktivität, die zusammen den Verteilungsspielraum ausmachen, erhöhten sich aber um 3,6 Prozent. Allein die Inflationsrate blieb mit 1,7 Prozent über dem durchschnittlichen Tarifanstieg, so dass die Realeinkommen erneut fielen. In seiner Tarifbilanz des Jahres 2006 kommt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung zu dem Ergebnis, dass die Tarifunterschiede zwischen den Branchen größer werden. Während es in den exportorientierten Branchen wie Stahl, Metall und Chemie überdurchschnittliche Zuwächse gab, blieben „die binnenmarktabhängigen Bereiche zum Teil weit darunter“. Das dürfte sich in diesem Jahr fortsetzen. Am heutigen Dienstag wird der Vorstand der IG Metall voraussichtlich eine Forderungsempfehlung für die regionalen Tarifkommissionen von 6,5 Prozent beschließen. Bereits am Montag hatte der große IG-Metall-Bezirk Nordrhein-Westfalen für 6,5 Prozent votiert. Der dortige Gewerkschaftschef Detlef Wetzel begründete die Forderung mit der „ausgezeichneten wirtschaftlichen Situation“. „Zu den guten Gewinnen gehören gute Einkommen“, sagte der Düsseldorfer Metaller.

In der vergangenen Tarifrunde hatte die IG Metall fünf Prozent gefordert und am Ende drei Prozent sowie eine Einmalzahlung von 310 Euro bekommen. Allein auf das Jahr 2006 umgerechnet ergab das eine Lohnsteigerung um 2,6 Prozent. Deutlich höher lag 2006 die Chemie, deren Beschäftigte 2006 3,4 Prozent mehr bekamen. In diesem Jahr geht die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ohne eine präzise Prozentforderung in die Verhandlungen. Die Gewerkschaft spricht vielmehr von einer deutlichen Reallohnsteigerung unter Berücksichtigung des Produktivitätswachstums, das in der chemischen Industrie rund 4,5 Prozent beträgt. Die erste bundesweite Verhandlung für die 550 000 Chemiebeschäftigten ist am Donnerstag in Hannover. Die Verhandlungen in der Metallindustrie mit ihren rund 3,4 Millionen Beschäftigten beginnen Mitte März.

Nach Angaben des WSI profitierten im vergangenen Jahr etwa 14 Millionen Arbeitnehmer von Tariferhöhungen. In Ostdeutschland, wo nur etwa die Hälfte aller Beschäftigten nach Tarif bezahlt wird, liegt das durchschnittliche Tarifeinkommen inzwischen bei 95,1 Prozent des Niveaus im Westen; 2005 waren es 94,6 Prozent gewesen. In Westdeutschland werden etwa zwei Drittel der Arbeitnehmer nach einem Tarif bezahlt. Allein im vergangenen Jahr wurden dort für 8,3 Millionen Beschäftigte neue Tarife geschlossen, in Ostdeutschland waren es 1,4 Millionen Arbeitnehmer.

In diesem Jahr gibt es Tarifverhandlungen auch noch im Baugewerbe (dort fordert die Gewerkschaft 5,5 Prozent), im Handel, der Druckindustrie und im Kfz-Gewerbe. „Gerade in der aktuellen wirtschaftlichen Situation, in der die Binnenkonjunktur spürbare Impulse braucht, ist es unerlässlich, dass alle Beschäftigten gleichermaßen am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben“, meint Reinhard Bispinck, der Tarifexperte des WSI. Allerdings sei das frühere „Geleitzugprinzip“ – die IG Metall setzt einen Tarifabschluss durch und alle anderen Gewerkschaften und Branchen orientieren sich daran – nicht mehr funktionsfähig. Seit etwa fünf Jahren, so Bispinck, gebe es eine Tarifspaltung zwischen den Wirtschaftsbereichen. Zuletzt habe es vor allem im öffentlichen Dienst wegen der Tarifreform eher mickrige Erhöhungen in Form von Einmalzahlungen gegeben. Alles in allem, so Bispinck, sei die Bundesrepublik in den vergangenen Jahren das Land mit den moderatesten Tarifabschlüssen in der EU gewesen.

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