Wirtschaft : Mehr Spielraum für Familien

Es fehlen Kitaplätze und Ganztagsschulen – viel Arbeit für Schwarz-Rot

Cordula Eubel,Flora Wisdorff

Großfamilien haben in Deutschland Seltenheitswert. Nur wenige Paare entscheiden sich heute für mehrere Kinder, und viele Frauen bleiben ganz kinderlos. Frauen bekommen in Deutschland im Schnitt 1,35 Kinder, in Frankreich sind es immerhin 1,85.

Woran liegt das? Nicht am Geld, sagt Familienforscher Hans Bertram von der Humboldt-Universität Berlin (siehe Interview). Das Problem ist, dass es keine flächendeckende Infrastruktur für Kinderbetreuung gibt so wie in Frankreich oder Skandinavien. Die Entscheidung lautet daher oft: Beruf oder Kind. In Deutschland ist außerdem die Zeit für die Familiengründung besonders knapp: Nach einer langen Ausbildung wollen junge Frauen den Einstieg in den Beruf schaffen. In den ersten fünf Arbeitsjahren entscheiden sie sich für oder gegen ein Kind.

Die große Koalition hat sich vorgenommen, den Ausbau der Kinderbetreuung fortzusetzen, den die Vorgängerregierung begonnen hat. Ab 2007 soll es ein Elterngeld geben, und vor wenigen Tagen haben SPD und Union beschlossen, die Kosten für Kinderbetreuung stärker von der Steuer absetzbar zu machen.

Für die SPD-Politikerin Kerstin Griese ist der Ausbau der Kinderbetreuung „das A und O der Familienpolitik“. Dass junge Frauen heute arbeiten, sei selbstverständlich, sagt die Vorsitzende des Familienausschusses im Bundestag. „Die Frage ist nur: Entscheiden sie sich für oder gegen Kinder?“ Und das hängt auch vom Angebot der Betreuung ab, das vor allem in Westdeutschland dürftig ist. In Baden-Württemberg etwa kommen auf 1000 Kinder nur 74 Kindergartenplätze und 13 Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren.

Einen Anfang hat Anfang 2005 die damalige Familienministerin Renate Schmidt (SPD) mit dem Gesetz zum Ausbau der Tagesbetreuung gemacht: Bis 2010 sollen bundesweit 230 000 zusätzliche Plätze in Kindertagesstätten, Krippen oder bei Tagesmüttern entstehen. Der Bund entlastete die Kommunen mit Hartz IV um 2,5 Milliarden Euro – davon sollen 1,5 Milliarden Euro in die Kinderbetreuung fließen. Aber noch erkennen zu wenige Bürgermeister, dass sie mit einem guten Betreuungsangebot auch junge Familien anlocken können.

Um mehr gut ausgebildete junge Frauen und Männer zur Familiengründung zu animieren, wollen SPD und Union Anfang 2007 das Elterngeld nach skandinavischem Vorbild einführen: Für ein Jahr erhalten Eltern 67 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens, maximal 1800 Euro im Monat. Nach Ansicht der Grünen setzt die große Koalition mit der Einführung des Elterngeldes sowie den in der vergangenen Woche beschlossenen Steuervergünstigungen für Kinderbetreuung jedoch nicht die richtigen Prioritäten. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt findet, dass die für diese Maßnahmen verplanten Summen stattdessen in die Infrastruktur für Kindergärten und Ganztagsschulen fließen müssten. „Nur so erreichen wir auch die ärmeren Gruppen sowie die Alleinerziehenden, die das Betreuungsangebot am nötigsten brauchen.“ Das Elterngeld sowie die steuerliche Absetzbarkeit der Betreuungskosten kämen vor allem den Mittelschichten zugute, sagt sie. Das Elterngeld mache zudem nur Sinn, wenn gleichzeitig ein Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für unter Dreijährige eingeführt würde. „Die Akademikerinnen sind zu klug, als dass das einjährige Elterngeld einen richtigen Anreiz bieten könnte, wenn danach keine Betreuung mehr zur Verfügung steht.“

Auch in der großen Koalition ist das Elterngeld nicht unumstritten, auch wenn es im Koalitionsvertrag vereinbart ist. Über die Ausgestaltung stehen den Koalitionspartnern noch ideologische Kämpfe bevor – das hat der Streit über die Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten gezeigt. Etwa über die Vätermonate. Damit mehr Männer sich für die Elternzeit entscheiden, soll das Elterngeld nur dann ein Jahr lang gezahlt werden, wenn beide Partner sich die Kindererziehung teilen. Bleibt nur die Mutter (oder der Vater) beim Kind, soll es die Leistung nur für zehn Monate geben.

Für die SPD-Politikerin Griese können diese Vätermonate dazu beitragen, dass es gesellschaftlich akzeptiert wird, wenn auch der Vater sich um das Kind kümmert. Eine Ansicht, die auch Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) teilt – in Skandinavien haben sich dadurch mehr Männer entschieden, zeitweise aus dem Job auszusteigen. Doch für die CSU ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. „Wenn die Väter das Elterngeld nicht annehmen, wird das nur eine effiziente Sparmaßnahme“, klagt der CSU-Politiker Johannes Singhammer. „Da haben wir noch Gesprächsbedarf.“

Einen kürzeren Bezug lehnt auch die FDP-Familienpolitikerin Ina Lenke ab. Sie fordert, dass die gesamte Zeit auf 14 Monate verlängert wird, also zwölf plus zwei. „Der Anreiz für die Väter ist an sich eine gute Idee“, sagt Lenke. „Es darf aber nicht sein, dass die Familien, die sich dagegen entscheiden, den Zuschuss nicht einmal ein ganzes Jahr erhalten.“

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