Wirtschaft : Mehrarbeit: Jeder Arbeitnehmer macht in diesem Jahr 63 Überstunden

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Die Arbeitnehmer in Deutschland leisten mehr Überstunden. Insgesamt wird die Zahl nach Berechnungen der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit in diesem Jahr um 110 Millionen auf 1,91 Milliarden steigen. Damit leisten die Beschäftigten in diesem Jahr so viele Überstunden wie seit 1995 nicht mehr. "Diese Entwicklung hängt mit der momentan guten Konjunktur zusammen", sagte ein Sprecher der Bundesanstalt. "Wenn die Konjunktur anspringt, versuchen die Betriebe, das Mehr an Aufträgen mit Überstunden aufzufangen." Die Unternehmen erreichten aber bald ihre Grenze und stellten dann zusätzliche Kräfte ein. Die Bundesanstalt forderte die Betriebe auf, Arbeitnehmer auch zeitlich befristet einzustellen und offene Stellen unverzüglich zu melden. Um den Betrieben Flexibilität zu sichern, müsse es immer Überstunden geben, die Frage sei nur das Ausmaß, so der Sprecher. Laut Nürnberger Prognose leistet jeder Arbeitnehmer in diesem Jahr 63,2 bezahlte Überstunden, 3,4 Stunden mehr als im Vorjahr.

IG-Metall-Chef Klaus Zwickel warf den Arbeitgebern vor, "in hohem Maße für die Arbeitslosigkeit in Deutschland mitverantwortlich zu sein". Sie hätten bisher "viel zu wenig" für einen Abbau der Überstunden getan. "Die Arbeitgeber müssen die Zahl der Überstunden jetzt deutlich reduzieren. Würden die Unternehmen nur ein Drittel der Überstunden abbauen und ein weiteres Drittel durch zusätzliche Freizeit ausgleichen, könnten 400 000 neue Arbeitsplätze entstehen." Die Bundesanstalt bestätigte diese Rechnung nicht und wollte keine Zahlen nennen. Nach Schätzungen von Experten könnte ein Überstundenabbau zwischen 250 000 und 300 000 neue Jobs schaffen.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) wies die Kritik Zwickels als "ungerechtfertige Pauschalvorwürfe" zurück. Die Prognose der Bundesanstalt für Arbeit belege, dass die Zahl der Überstunden trotz der deutlich anziehenden Konjunktur "nur geringfügig über den historischen Tiefständen der letzten Jahre liegen wird". BDA-Präsident Dieter Hundt zufolge bleibt "der langfristige Trend des Rückgangs der Überstunden weiter ungebrochen". Hundt betonte, dass im vergangenen Jahr "erstmals mehr Überstunden in Freizeit ausgeglichen als bezahlte Überstunden geleistet wurden". Seiner Einschätzung nach sei durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit der "beschäftigungswirksame Abbau von Überstunden vorangetrieben" worden. Der Arbeitgeberpräsident forderte den IG-Metall-Vorsitzenden auf "in Gespräche zur Umsetzung der Vereinbarungen aus dem Bündnis für Arbeit einzutreten". Dort wurde die Einrichtung von Arbeitszeitkorridoren, Jahresarbeitszeiten sowie Jahres-, Langzeit- und Lebensarbeitszeitkonten verabredet. "Erst wenn sich die Gewerkschaften bei der Arbeitszeitflexibilisierung weiter bewegen, kann die Zahl der bezahlten Überstunden weiter reduziert werden", spielte Hundt den Ball an Zwickel zurück. Im übrigen seien Überstunden auch "Ausdruck des Fachkräftemangels". Derzeit seien rund 500 000 nicht besetzte Arbeitsplätze bei der Bundesanstalt für Arbeit gemeldet.

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