Mein ERSTES Geld (167) : Preisschilder schießen

Stefanie Wenner Kuratorin am Theater Hebbel am Ufer

Mein Vater war Geschäftsführer in einem Modeladen in Kassel. Damen- und Herrenmode im gehobenen Segment, da gab es teure Marken wie Strenesse und Bogner. Ganz schön ausgefallen für eine damals eher arme Stadt wie Kassel. Mit 13 oder 14 durfte ich beim „Einpreisen“ mithelfen. Das hieß, in einem Hinterzimmer Preisschildchen mit einer Pistole durch die Klamotten zu schießen. Die Arbeit war ziemlich gut, man konnte dabei vor sich hinträumen und es gab fünf Mark die Stunde. Mit dem ersten Geld, das ich dabei verdient habe, habe ich mir die Genesis-Platte „Wind and Wuthering“ gekauft. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass Genesis damals noch gut waren. Schlimm war die Weihnachtszeit. Da wurde ich zum Geschenkeeinpacken eingeteilt: Männer, die Dessous für ihre Frauen kauften, Frauen, die sich Socken für die Männer einpacken ließen. Damals habe ich gemerkt, dass ich mit den Händen nicht so wahnsinnig geschickt bin und dass es manchmal unglaublich anstrengend ist, die ganze Zeit vor Publikum zu stehen. Schule war dagegen eine Erholung. Am besten hat mir der Job als Babysitterin gefallen. Den Kindern vorzulesen, das war eher mein Ding. Mit meinem Vater habe ich einmal darüber gesprochen, was Modehauschef und Kuratorin am Theater verbindet: Der eine stellt eine Kollektion, die andere ein Programm zusammen. Aber beide hoffen, dass es den Kunden gefällt.

Aufgezeichnet von Markus Langenstraß

Stefanie Wenner studierte Philosophie, Soziologie und Komparatistik in Bologna, Köln und Berlin. Ersten Kontakt zum Hebbel am Ufer hatte sie 2003, als sie die Eröffnung von „Kunst und Verbrechen“ kuratierte.

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