Mein ERSTES Geld (174) : Milch wiegen

Martin Rennert[Präsident der Universität der Künste]

Es muss 1970 gewesen sein, als zum ersten Mal die Staatsbahnen Westeuropas auf die Idee kamen, einen Fahrschein für Tramper aufzulegen; für umgerechnet 100 Euro konnte man mit dem Interrailpass Europa bereisen. Ich war 16 und hatte von der Welt schon einiges gesehen, war aber noch nie in Italien gewesen, hatte viele Freunde und war grundsätzlich abenteuerlustig.

Ob es nun wirklich mein allererstes Geld war, das ich in einem Lebensmittelladen namens Konsum erwarb, weiß ich nicht mehr. Ich weiß allerdings, dass ich mich vielen Untersuchungen unterziehen musste, um sicherzugehen, dass ich gesund war – ich sollte ja schließlich mit Lebensmitteln zu tun haben. In Wien, wo ich damals lebte, machen viele Geschäfte (bis heute) um 7 Uhr auf und man musste gut eine halbe Stunde vorher dort sein: eine Herausforderung.

In jenen Jahren begann ein erster, zaghafter Abschied von Milchflaschen, die – mit einer dubiosen Kühlkette und ohne Haltbarkeitsdatum – Milch beinhalteten, welche oft schon sauer war. Nun gab es Plastikbeutel, die zwar einen Liter beinhalten sollten, aber oft erheblich weniger in sich bargen. Da ich die wirtschaftliche Lage meiner Kunden kannte, machte ich mich beim Filialleiter unbeliebt, indem ich oft nachwog. In anderen Hinsichten war man mit mir aber nicht unglücklich, da ich sowohl stark als auch fleißig war.

Mit den etwa 2000 Schilling – etwa 150 Euro – machte ich mich dann auf den Weg, lebte in Jugendherbergen und bei Freunden, bereiste Städte, die damals bei Weitem nicht so überlaufen waren wie heute. Und sammelte Erfahrungen, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Notiert von Thomas Reckermann

Martin Rennert (56) kam 1985 zur UdK

in Berlin – als Professor für Konzertgitarre. Seine Kindheit

verbrachte er in

New York. Als er zwölf Jahre alt war, zog seine Familie

nach Wien.

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