Mein ERSTES Geld (297) : Arbeit als Verlustgeschäft

Günter Verheugen Ex-EU-Kommissar
Foto: Kai-Uwe Heinrich hf

Als ich 17 Jahre alt war, habe ich an meiner Schule in der Nähe von Köln eine Schülerzeitung gegründet. Die ist einem Lokalredakteur der „Neuen Rhein-Zeitung“ aufgefallen. Er fragte mich, ob ich als freier Mitarbeiter für ihn arbeiten wolle, auf Zeilenbasis. Schreiben konnte ich – dachte ich, also habe ich es gemacht. Mein erster Auftrag war es, einen Bericht über die Amtseinführung eines Gemeindedirektors in einem Dorf nördlich von Köln zu schreiben. Ich wohnte in Brühl, südlich von Köln. Deshalb war die Anreise etwas beschwerlich, ich hatte ja noch keinen Führerschein.

Ich war mit mehrmaligem Umsteigen mit Bahn und Bus zweieinhalb Stunden unterwegs. Die Ratssitzung dauerte eineinhalb Stunden, am anschließenden Buffet konnte ich schon nicht mehr teilnehmen, weil ich sonst am Abend nicht mehr nach Hause gekommen wäre. Daheim habe ich dann den Artikel getippt, 150 Zeilen, und bin am nächsten Morgen in die Schule gegangen.

Als ich mittags nach Hause kam, empfing mich meine Mutter ganz aufgeregt. „Die von der Zeitung haben angerufen, die wollen wissen, wo der Text bleibt.“ Ich: „Der liegt doch da, ich dachte, die holen den ab.“ Von wegen. Die Redaktion war in Köln-Deutz auf der anderen Rheinseite, also musste ich erneut ein ganzes Stück fahren, vier Stunden etwa. Gedruckt wurden 86 Zeilen. Das Honorar betrug 8,60 Mark, die Kosten 11,20 Mark – und der gesamte Zeitaufwand summierte sich auf 14 Stunden. Spesen gab es nicht. Mein erstes selbst verdientes Geld war also ein heftiges Verlustgeschäft. Ich habe aber etwas Wichtiges über Marktwirtschaft gelernt: Sowohl meine Kosten als auch meine Einnahmen wirkten sich positiv auf das Bruttosozialprodukt aus.

Aufgezeichnet von Carsten Brönstrup.

Günter Verheugen (69, SPD) war von 1999 bis 2010 EU-Kommissar, zuletzt zuständig für Unternehmen und

Industrie. Heute

lehrt er an der

Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) und lebt in Potsdam.

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