Mein erstes Geld : Die Postbotin im Minirock

Ich bin die Älteste von fünf Kindern. Damit alle zum Gymnasium gehen konnten, mussten wir sehr früh in den Ferien Geld verdienen. Ich war 16 Jahre alt und habe mich bei der Post als Briefträgerin für die Urlaubsvertretung beworben.

Ingeborg Junge-Reyer[Berliner Senatorin für Stadtentwicklung]

Um pünktlich um sechs Uhr die Briefe sortieren zu können, musste ich früh um halb fünf Uhr aufstehen. Ich bin als Briefträgerin gerne unterwegs gewesen. Damals gehörte auch das Auszahlen von Postanweisungen und Renten am Monatsende zu den Aufgaben der Post. Von dem Trinkgeld habe ich mir ein Paar Schuhe gekauft und das kleine Gehalt für Kleidung ausgegeben.

Ich habe sogar die klassische Situation von Briefträgern erlebt: Ein Hund hat mich verfolgt, sich in den Saum verbissen, ist um mich herum gerannt und hat den Rock zu einem Minirock gemacht. Aber den Stoff bekam ich von der Frisörmeisterin, der der Hund gehörte, ersetzt.

Da bei der Post schon um zwei Uhr mittags Feierabend war, habe ich nachmittags noch drei Stunden in einem Geschäft gearbeitet und Tapeten verkauft. Es war hoch interessant, Menschen bei der Gestaltung ihrer vier Wände zu beraten. Noch heute weiß ich, wie man Tapetenmuster auf Stoß klebt. Die Arbeit hat sich gelohnt damals – für mich und die Familie.

Aufgezeichnet von Cornelia Freiheit. Die SPD-Politikerin Ingeborg Junge-Reyer (63) stammt aus dem Ruhrgebiet. Sie studierte in Berlin erst Germanistik und Geographie, ließ sich dann aber auf der Verwaltungsakademie ausbilden.

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