Wirtschaft : Meister der luftigen Illusion

In der Touristenklasse der Fluggesellschaften gibt es wenig Platz – aber Designer sorgen für ein besseres Gefühl

Lynn Lunsford,Daniel Michaels

Von Lynn Lunsford

und Daniel Michaels

Klaus Brauers Aufgabe besteht darin, den Passagieren vorzugaukeln, sie säßen bequem und behaglich im Flugzeug. Auch dann, wenn sie in der Mitte der letzten Sitzreihe eingepfercht sind. „Platz aus dem Nichts schaffen“, nennt Boeing-Ingenieur Bauer das eigentliche Ziel seiner Arbeit. Dazu nutzt er gefällige Formen und Lichteffekte, die das Flugzeug größer erscheinen lassen. „Wenn wir alles richtig machen, wissen die Leute nicht, was wir verändert haben. Sie fühlen sich einfach wohler“, sagt er.

Die Illusion, an der Brauer und andere arbeiten, ist heutzutage bedeutender denn je. Die meisten Airlines sind von Finanzsorgen geplagt und können sich keine großzügige Ausgestaltung ihrer Flieger leisten. Gleichzeitig buchen immer mehr Passagiere die engen Touristensitze, was die Gesellschaften nach kostengünstigen Wegen suchen lässt, um das Fliegen angenehmer zu machen. Da ist es kein Zufall, dass viele Fluggäste die Boeing 777 als eines der komfortabelsten Flugzeuge beschreiben. Ihr Innenraum erscheint dank der sanft geschwungenen und beleuchteten Wandverkleidungen geräumiger, als sie tatsächlich ist. Zur Verstärkung des Effektes haben die Designer die Gepäckfächer so konstruiert, dass sie sich in den Seitenwänden versenken lassen. Von jedem beliebigen Sitz kann der Fluggast so die gesamte Kabine einsehen, ohne dass sein Blick von Gepäckschächten beeinträchtigt wird.

Seit den ersten Tagen der zivilen Luftfahrt nutzen die Gesellschaften das Komfort-Argument als eine der wichtigsten Waffen im Wettbewerb. Bereits sehr früh fanden die Airlines heraus, dass beruhigende Farben wie blau und grau die Übelkeit an Bord verminderte. Besonders wichtig war dies in den hinteren Reihen der DC-3, die bei Turbulenzen gern mit dem Heck schlingerte. „Beim Entwerfen eines neuen Flugzeugs schütteln wir immer den Kopf und fragen uns, warum wir erst so spät auf bestimmte Dinge gekommen sind“, sagt Klaus Brauer von Boeing. Nach dem Erfolg der 777 beginnt Boeing, die Design-Elemente auch in den Rest der Flotte einzuführen.

Ebenso wie Boeing versucht auch Airbus mit aller Kraft, aus dem begrenzten Raumangebot mehr zu machen. Alan Pardoe, Marketing-Chef für die Baureihen A330 und A340, sagt, man habe die Anordnung der Wandverkleidungen geändert, damit die neuen Flugzeuge geräumiger wirken. Den Innenraum hält der europäische Hersteller durch geschickten Einsatz von Farben, Licht und Material so unauffällig wie möglich. „Nichts macht uns glücklicher als ein 18-Stunden-Passagier, der sich nach dem Aussteigen nicht mehr an die Ausgestaltung der Kabine erinnern kann“, sagt Pardoe. Bei Airbus reflektieren die Kanten der Wandpaneele das Licht so, dass sie weniger Schatten werfen. Die üblichen Leseleuchten wurden durch Leuchtdioden ersetzt, die nicht auf den Nachbarsitz oder in die Kabine abstrahlen. Und damit der Innenraum nicht allzu grell beleuchtet wird, platziert Airbus neben jeder weißen Leucht-Röhre eine in farbiges Plastik eingefasste zweite. Zusätzlich sorgen computergesteuerte Schaltsysteme für sanfte Anpassungen der Beleuchtung.

Die Fluggesellschaft Virgin Atlantic hat im Juli ihre ersten A340-600 abgenommen und viel Geld in hochklassige Kabinenausstattung gesteckt. Wellenförmige Spiegel unter den Gepäckfächern vermitteln jetzt den Eindruck einer wesentlich höheren Kabine. Die „No Smoking“-Schilder über jedem Sitz sind aus Metall und schimmern silbern. Nach dem Plan der Virgin-Designer lenkt dies die Aufmerksamkeit nach vorn und lässt die Kabine größer erscheinen. Die Beleuchtung unter dem eigenen Sitz wird vom Passagier so wahrgenommen, als stamme sie vom Vordersitz, was wiederum die Illusion von größeren Abständen hervorruft, so eine Sprecherin der Airline. Durch den kompletten Verzicht auf die mittleren Gepäckfächer erhöhte man den Innenraum beträchtlich.

Für den 1,90 Meter großen Kevin Mitchell, Vorsitzender der Gemeinschaft der Geschäftsreisenden, wäre den meisten Passagieren schon mit der Schaffung ausreichender Beinfreiheit gedient. „Wer einmal in der ersten Klasse gesessen hat, weiß, dass eigentlicher Komfort nur durch zusätzlichen Platz zu erreichen ist“, sagt Mitchell. Bislang sei nur American Airlines diesem Ruf gefolgt. Vor drei Jahren verzichtet American auf zwei Sitzreihen und schaffte für jeden Fluggast zusätzliche zehn Zentimeter Platz im Beinbereich.

Wesentlich komfortabler geht es derzeit noch am Boden zu: In einem Ausstellungsraum in Texas kann man Flugzeugsitze bewundern, deren Sitzfläche sich wie bei einem Chefsessel verschieben lässt. Die Sitze von Weber Aircraft sind so konstruiert, dass der Passagier einen Platzgewinn von 18 Zentimetern fühlt, obwohl die Sitzfläche nur um 7,6 Zentimeter bewegt wurde. Außerdem rutscht die untere Hälfte des Sessels dabei nach vorn, so dass für den Hintermann zusätzliche Beinfreiheit entsteht. Als einer der größten Sitzhersteller weltweit hat Weber Aircraft die Flugzeugsessel für eine große Fluggesellschaft produziert. Wegen der Krise in der Branche wurde die Abnahme der geplanten 75 000 Sitze jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben. „Jeder wartet nur darauf, dass jemand kommt, der das Geld dafür hinlegt und alles einbaut“, sagt Adri Ruiter von Weber Aircraft.

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