Wirtschaft : Menschlich klappt es besser als automatisch

Olaf S,ermeyer

Eiligen Schrittes, mit keuchendem Atem aber ohne Fahrkarte geht es morgens die zahlreichen Stufen hinauf zum nasskalten Gleis der U2 an der Eberswalder Straße. Die gelben Letter auf der digitalen Zuganzeige versprechen, dass es in einer Minute Richtung Ruhleben geht.

Geschafft? Noch nicht. Zunächst muss der eilige Fahrgast noch ein Ticket lösen. Das kann bei den neuen oberflächengesteuerten Automaten zum Ärgernis werden. Dann nämlich, wenn der Gast 20-Cent-Münzen in der Geldbörse trägt oder einen neuen Euro-Schein oder wenn er gar per EC-Karte zahlen möchte. Diese Zahlungsmittel mögen die "modernisierten stationären Automaten der neuen Generation" nicht. Von denen gibt es nun 542 Stück in Berlin.

So kommt es vor, dass die ankommende U2 ohne den Gast weiterfährt oder der Gast fährt ohne Fahrschein los. Die Umstellung auf den Euro haben viele Verkehrsbetriebe in Deutschland genutzt, um den Fahrkartenverkauf zu automatisieren. Alte Tasten-Automaten werden Zug um Zug durch moderne Geräte ersetzt, bei denen der Fahrgast mit dem Finger auf die gläserne Fläche eines Computer-Bildschirmes tippt und so den richtigen Fahrschein auswählt und bestimmt, ob er mit Bargeld oder mit seiner EC-Karte zahlt.

Verärgert sind viele Passagiere darüber, dass ihre 20-Cent-Münzen von den Maschinen nicht angenommem werden. Füttern können sie die Automaten nur mit 5-Cent-, 10-Cent-, 50-Cent-, 1-Euro- und 2-Euro-Münzen; es gibt bisher nur fünf Münzkanäle. Die eingekerbte, blindengerechte 20-Cent-Münze haben die Automatenaufsteller von den Berliner Verkehrs-Betrieben (BVG) zunächst nicht berücksichtigt, bei der S-Bahn funktioniert die 5-Cent-Münze nicht. Das Münzchaos hat viele Kunden in den ersten Wochen des Jahres verunsichert. Nun sollen die Fahrschein-Automaten der BVG einen sechsten Münzkanal erhalten: für die 20-Cent-Münze.

Damit nicht genug: Auch bei den neuen Geldscheinen hakt es. Oftmals nahmen die modernen Geräte neue, glatte Euro-Scheine nicht an. Somit bestiegen viele Hauptstädter und verdutzte Touristen ohne gültigen Fahrausweis ihre Bahn. Als mutmaßliche Schwarzfahrer wider Willen. "Diese Fälle haben unsere Kontrolleure mit Kulanz behandelt und nicht als Schwarzfahren geahndet. Der Fehler lag bei den Banknotenakzeptoren der neuen Automaten, die nun einwandfrei funktionieren", sagt Lutz Nerlich von der BVG.

Immer noch aussichtlos bleibt allerdings der Versuch, einen Fahrschein mit EC- oder Geldkarte zu zahlen, und das trotz des entsprechenden Angebotes, das von den modernen Bildschirmen prangt. "Erst ab Mitte des Jahres können unsere Kunden bargeldlos zahlen", sagt Lutz Nerlich von der BVG. Seine Entschuldigung stößt bei Matthias Horth von der Interessengemeinschaft Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrgastbelange Berlin (IGEB) auf Unverständnis. So seien laut Nerlich die Automaten-Rechner noch nicht miteinander vernetzt und können daher nicht zentral abgerechnet werden. "Das hätte man auch schon vorher wissen und abstellen können", entgegnet Horth.

Von einem möglichen Umsatzrückgang bei der BVG in der störungsanfälligen Zeit will Nerlich nichts wissen. Der Vergleich mit den Zahlen des Vorjahres schließe diese Annahme aus. Zudem hätten über den Jahreswechsel 400 Sonderverkäufer in den Zügen der BVG ganze Arbeit geleistet und viele Passagiere das Angebot genutzt, Fahrscheine direkt bei ihnen zu kaufen. "Menschlich statt automatisch" klappe es am besten, meint Nerlich. Die Probleme mit der neuen Technik seien überdies ganz normal. Grundsätzlich rät Nerlich den BVG-Kunden zu Monatskarten im Abonnement.

Ärger mit der Automaten-Technik haben Bahnfahrer nicht nur im Nahverkehr. Die Deutsche Bahn hat 3500 Fahrschein-Computer mit einer ähnlichen oberflächengesteuerten Technik im Fernverkehr eingesetzt. Bei einem Drittel dieser Touch-Screen-Automaten funktioniert das Kartenlesegerät nicht fehlerfrei; Bargeld akzeptieren diese Geräte ohnehin nicht. Ende Dezember teilte das Unternehmen mit, dass die Ursache - ein Programmierfehler - nach dem Jahreswechel behoben würde.

Bahnsprecherin Birgit Röher sagte dem Tagesspiegel, man arbeite fieberhaft daran, dieses technische Missgeschick zu beheben. Bis dahin bittet die Bahn ihre Kunden um Verständnis und darum, ihren Fahrschein bei auftretenden Störungen der Automaten in den Reisezentren der Bahnhöfen zu erwerben. So wie bisher.

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