Wirtschaft : Merck-Eigner überwerfen sich mit Vorstandschef

Sofortiger Rauswurf Scheubles wegen „persönlicher Differenzen“ – Aktie des Chemie- und Pharmakonzerns stürzt ab

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Der Grund für das überraschende Ausscheiden von Bernhard Scheuble, dem Chef des Darmstädter Pharma- und Chemiekonzerns Merck, ist ein Zerwürfnis mit den Eigentümern. „Es gab klare Differenzen zwischen der Merck-Familie und Scheuble auf persönlicher Ebene“, sagte eine Firmensprecherin am Mittwoch. Der 52-jährige Manager hatte am Dienstagabend überraschend in angeblich „gegenseitigem Einvernehmen“ seinen Hut nehmen müssen. Die Merck-Aktie verlor am Mittwoch zeitweise mehr als fünf Prozent.

Es gebe „keinerlei Gründe in den Bereichen Strategie, operatives Ergebnis oder Geschäftslage“, hieß es. Scheuble hatte Merck seit fünf Jahren geführt und „einen eindrucksvollen Wertzuwachs erwirtschaftet“, sagt Frank Stangenberg-Haverkamp, der Vorsitzende des Gesellschafterrates. Nachfolger Scheubles ist der bisherige Stellvertreter Michael Römer.

Merck selbst lobt den Ex-Chef, weil er Arbeitsplätze geschaffen hatte. „Dafür sind wir ihm dankbar“, sagt der Vorsitzende des Gesellschafterrates. Mit der Würdigung sorgt Stangenberg-Haverkamp für noch größere Verwirrung, weil er indirekt die 300 Familiengesellschafter bei Merck vertritt. Der neunköpfige Gesellschafterrat wird vom Familienrat gewählt und ist Aufsichtsrat der Merck OHG, die als Obergesellschaft 73 Prozent der Anteile an der Merck KG auf Aktien hält. Dem Gesellschafterrat obliegt auch die Berufung der Geschäftsführung.

Auch der Merck-Betriebsratschef Flavio Battisti lehnt es ab, Hintergründe zum Abgang Scheubles zu nennen. Dass der Rausschmiss des Managers auch für die 29 000 Mitarbeiter von Merck überraschend kam, zeigt die Tatsache, dass sein Name noch eine Stunde nach der Veröffentlichung der Ad-Hoc-Meldung auf der Merck-Homepage zu lesen war.

Auch Analysten waren ratlos. Mit Blick auf Ergebnis und Geschäftslage könnten Scheuble keinerlei Vorwürfe gemacht werden, sagt Karl-Heinz Scheunemann vom Bankhaus Metzler. „Operativ läuft es gut, die Strategie ist überzeugend. Seit 2002 hat sich der Aktienkurs verdreifacht.“ Andere vermuten einen Streit über eine mögliche Übernahme der Pharmasparte des Merck-Konkurrenten Altana.

Möglicherweise sind die Gründe für Scheubles Abgang in seinem Auftreten auch gegenüber Mitarbeitern zu suchen. Beobachter beschreiben den habilitierten Physiker als zuweilen überheblich und arrogant. Scheuble selbst war noch im Sommer vom Rückhalt der Merck-Familie überzeugt. „Die Familie steht ganz uneingeschränkt hinter dem Unternehmen“, sagte er in einem Interview.

Scheuble arbeitete seit 24 Jahren beim Darmstädter Unternehmen und hatte vor fünf Jahren als erster familienfremder Manager den Vorsitz der Geschäftsführung übernommen. Scheuble hatte die Internationalisierung von Merck vorangetrieben und den Ausbau von Kernbereichen Pharmasparte,vor allem im Blick auf Krebspräparate und die Chemiesparte, forciert. 2004 hatte Merck einen Umsatz von knapp 5,9 Milliarden Euro erreicht, der Gewinn nach Steuern hatte sich auf 672 Millionen Euro verdreifacht. Merck gilt als ältester Pharmakonzern in Deutschland und ging 1668 aus einer Apotheke hervor.

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