Wirtschaft : Merkel und Medwedew drehen den Hahn auf Erstmals strömt Erdgas durch die Ostsee-Pipeline

Lubmin/Zug - Unter Umgehung von Transitländern strömt in diesen Tagen erstmals russisches Erdgas direkt nach Deutschland und Westeuropa. Nach anderthalb Jahren Bauzeit wird am Dienstag der erste Strang der 1224 Kilometer langen und 7,4 Milliarden Euro teuren Ostsee-Pipeline des russisch-europäischen Firmenkonsortiums Nord Stream offiziell in Betrieb genommen.

Der russische Staatspräsident Dimitri Medwedew und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werden gemeinsam mit weiterer Politprominenz in einem symbolischen Akt den Gashahn der Ostsee-Pipeline aufdrehen. Erwartet werden in Lubmin Frankreichs Premierminister François Fillon, der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sowie EU-Energiekommissar Günther Oettinger.

Auch der Chef des Nord-Stream-Aktionärsausschusses, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), wird bei der Feier erwartet. Er hatte 2005 zusammen mit dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin das in Polen und im Baltikum umstrittene Projekt auf den Weg gebracht. Kurz nach seiner Abwahl trat er als Berater des russischen Gasexportmonopolisten Gazprom und der Pipelinegesellschaft auf. Daraufhin warfen Kritiker ihm vor, Amt und private Karriere miteinander verquickt zu haben. Der Festakt wird unter hohen Sicherheitsauflagen einige Kilometer vom Seebad entfernt auf dem Industriehafengelände stattfinden.

Durch den ersten von zwei Leitungssträngen sollen von Dienstag an zunächst bis zu 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr strömen. Es wird dann über die ebenfalls neu verlegte Festlandtrasse Opal des deutschen Energiekonzerns Wingas nach Süden nahe der tschechischen Grenze geleitet und dort über einen Energieknotenpunkt verteilt. Mit der Inbetriebnahme des zweiten Leitungsstranges im Herbst 2012 beträgt die Gesamtkapazität 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr – damit können rechnerisch 26 Millionen Haushalte versorgt werden.

Gaslieferant ist der russische Energiekonzern Gazprom, der mit 51 Prozent auch Mehrheitseigner der Nord Stream AG ist. Das Gas stammt aus dem Feld Juschno-Russkoje auf der westsibirischen Halbinsel Jamal in Norden Russlands. Die Region gilt als eines der weltweit größten Lagerstätten mit geschätzten Gasreserven von mehr als einer Billion Kubikmeter.

Nach Auffassung der Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wird die Preispolitik von Gazprom langfristig über den Erfolg der Pipeline entscheiden. Im Gegensatz zu anderen Gaslieferanten kopple Gazprom den Gaspreis noch immer an den Ölpreis, sagte Kemfert. „Damit entzieht sich Gazprom der internationalen Marktentwicklung mit tendenziell niedrigeren Preisen.“ Es sei wünschenswert, dass der Druck des Marktes dazu führen werde, dass Gazprom seine Preise dem internationalen Niveau anpasst.

Als Brückentechnologie werden Gaskraftwerke in den nächsten Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen, zeigte sich die Energieökonomin überzeugt. Allerdings fehlten finanzielle Anreize für den Bau von Gaskraftwerken, so Kemfert. dpa

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