Wirtschaft : Metaller bekommen 4,3 Prozent mehr

Arbeitgeber und Gewerkschafter einigen sich nach 37-stündigen Verhandlungen – und präsentieren sich beide zufrieden.

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Geschafft. Die Gewerkschafter Berthold Huber und Jörg Hofmann und die Arbeitgebervertreter Rainer Dulger und Martin Kannegiesser (von links). Foto: dapd
Geschafft. Die Gewerkschafter Berthold Huber und Jörg Hofmann und die Arbeitgebervertreter Rainer Dulger und Martin Kannegiesser...Foto: dapd

Berlin - Das muss ein echter Scherzkeks gewesen sein, der die Rückflüge der Gesamtmetall-Entourage für den frühen Freitagabend gebucht hatte. Zwar begannen die Tarifpartner der Metallindustrie ihre Verhandlungen in Sindelfingen bereits gegen Mittag. Aber es wurde dann doch wieder eine lange Nacht. Am frühen Sonnabendmorgen fielen sich Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesser und der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber zwar nicht glücklich-erschöpft in die Arme. Doch sie waren zufrieden mit dem Tarifkompromiss für die gut 3,6 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Huber sprach von einem „besonderen Ergebnis“ und Kannegiesser freute sich über das „kräftige Reallohnplus für unsere Mitarbeiter“.

Tatsächlich sind 4,3 Prozent bei einer Vertragslaufzeit von 13 Monaten eine ganze Menge. Die IG Metall hatte 6,5 Prozent gefordert, die Arbeitgeber anfangs drei Prozent geboten. Auf die endgültige Prozentzahl verständigen sich die Tarifparteien ziemlich schnell, nachdem gegen Mitternacht die dicksten Brocken endlich vom Tisch waren: Die unbefristete Übernahme von Azubis und eine stärkere Mitbestimmung der Betriebsräte beim Einsatz von Leiharbeit.

Seit Jahren macht die IG Metall mobil gegen den zunehmenden Einsatz von Leiharbeitnehmern. Nach Angaben der Gewerkschaft gibt es rund 300 000 Zeitarbeitskräfte in den Metallfirmen – zum überwiegenden Teil deutlich schlechter bezahlt und häufig dauerhaft im Entleihbetrieb tätig. Mit dem neuen Tarifvertrag glaubt die IG Metall nun „ein Zeichen gegen die Spaltung in den Betrieben und auf dem Arbeitsmarkt gesetzt“ zu haben, wie Huber sagte. Kannegiesser sprach von einem „Spagat“: Auf der einen Seite bessere Perspektiven für die Leiharbeiter, auf der anderen Seite die nötige Flexibilität für die Betriebe. Vereinbart wurde jetzt, dass nach einer Einsatzzeit von zwei Jahren im Betrieb der Leiharbeitnehmer vom Entleihbetrieb ein Übernahmeangebot bekommen muss. Damit können die Arbeitgeber leben: „In den ersten zwei Jahren kann weiterhin jeder Betrieb selbst entscheiden, ob und wie er Zeitarbeitnehmer einsetzen möchte.“

Wenn Kannegiesser von Betrieb spricht, dann meint er in diesem Zusammenhang die Betriebsparteien, also auch den Betriebsrat. Und der hat künftig mehr Einfluss beim Einsatz von Leiharbeitnehmern. Das kann bis zu einer Betriebsvereinbarung zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat führen, in der detailliert die Modalitäten der Leiharbeit festgelegt sind. An dieser Stelle haben sich die Arbeitgeber mit einer alten Forderung durchgesetzt: Gewissermaßen als Ausgleich für die Betriebsvereinbarung, die für den Arbeitgeber die Freiheit beim Einsatz der Leiharbeit einschränkt, dürfen dann mehr Stammarbeitnehmer im Betrieb 40 Stunden arbeiten. In der westdeutschen Metallindustrie gilt die 35-Stunden-Woche, doch 18 Prozent der Belegschaft dürfen bislang schon 40 Stunden arbeiten. Diese Quote können die Arbeitgeber künftig auf 30 Prozent erhöhen. „Wer externe Flexibilität einschränkt, muss dafür die innerbetriebliche Flexibilität ausweiten“, kommentierte Kannegiesser zufrieden.

Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg und Verhandlungsführer der Gewerkschaft, sieht mit dem neuen Vertrag eine Grenze gesetzt gegen Lohndumping und Verdrängung: Leiharbeit dürfe künftig nur eingesetzt werden, „wenn dadurch die Entgelt- und Arbeitsbedingungen im Entgeltbetrieb nicht bedroht und keine Arbeitsplätze gefährdet werden“. Mehr Geld sollen die Leiharbeiter auch bekommen. Anfang der kommenden Wochen treffen sich Vertreter der Zeitarbeitsverbände mit der IG Metall, um abschließend sogenannte Branchenzuschläge festzulegen. Dann endlich, so hofft Gesamtmetallpräsident Kannegiesser, „muss die Debatte über Zeitarbeit endgültig befriedet sein, auch auf der politischen Ebene“.

Das richtet sich an Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die eine Kommission angekündigt hat zur Besserstellung von Leiharbeitnehmern, sofern die Tarifparteien keine entsprechenden Vereinbarungen treffen. Das dürfte sich mit dem Abschluss von Sindelfingen, der nun nach und nach auf alle Bezirke der Metallindustrie übertragen wird und auch auf andere Branchen ausstrahlen sollte, erledigt haben.

Im „Grundsatz“ wollen die Metallfirmen künftig alle Azubis unbefristet übernehmen. Es gibt also Ausnahmetatbestände, die in der Person des Azubis oder der Beschäftigungslage der Firma liegen können. Die Arbeitgeber hatten sich lange gegen eine Übernahmepflicht gesträubt, und feierten am Ende doch die neu gewonnene „Attraktivität unserer Branche“ für die jungen Leute. „Im Wettbewerb um kluge Köpfe haben wir die Nase vorn“, freute sich Kannegiesser.

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