Wirtschaft : Metaller erwarten Abschluß über vier Prozent

BERLIN (alf/AP).Gemeinsam mit dem Schlichter Hans-Jochen Vogel wollen sich heute die Tarifparteien der Metallindustrie in Baden-Würtemberg um einen Kompromiß bemühen.Der "Erwartungshorizont unserer Mitglieder liegt über vier Prozent", sagte der Verhandlungsführer der IG Metall, Berthold Huber, gegenüber dem Tagesspiegel.Die Gewerkschaft hat ein Ultimatum bis Mittwoch 24 Uhr gestellt, um zu einer Einigung zu kommen.

Scheitert das Schlichtungsverfahren, beginnt am kommenden Montag im Tarifbezirk Baden-Würtemberg die Urabstimmung über einen Arbeitskampf.Wenn sich dabei 75 Prozent der IG Metall-Mitglieder für einen Streik aussprechen, könnte der Arbeitskampf Anfang März beginnen.Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hofft auf eine schnelle Einigung."Eine Schlichtung kann sich nicht ewig hinziehen.Deshalb setzt man sich selbst eigene Fristen, und zwei Tage sind schon eine ganze Menge für eine Schlichtung", sagte Gesamtmetall-Vorstandmitglied Hans-Werner Busch am Montag im Deutschlandradio.Auch IG Metall-Verhandlungsführer Huber verteidigte den Zeitplan."Wir brauchen einen Punkt nach hinten", sagte Huber."Irgendwann geht nichts mehr", dann bleibe nur noch der Arbeitskampf.

Busch bekräftigte, daß aus Sicht der Arbeitgeber ein Verhandlungskompromiß eine Differenzierung bei den Lohnerhöhungen enthalten muß."Wir müssen für Unternehmen, denen es ausgesprochen schlecht geht, eine Möglichkeit eröffnen, hier Abweichungen vorzunehmen." In diesem Zusammenhang sei auch die ertragsabhängige Einmalzahlung von 0,5 Prozent des Jahreseinkommens, die die Arbeitgeber vorgeschlagen haben, zu sehen."Diese 0,5 Prozent bieten wir für alle und nur im Notfall, wenn es einem Unternehmen schlecht geht, kann oder sollte davon abgewichen werden können." In den Verhandlungen habe sich die IG Metall grundsätzlich nicht gegen eine solche Zweiteilung ausgesprochen, sondern dagegen, die jeweiligen Abweichungen auf Betriebsebene zu verhandeln, erklärte Busch."Das ist ein Ansatzpunkt, über den wir gemeinsam nachdenken müssen." Der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters bekräftigte dagegen, daß sich seine Gewerkschaft auch in der Schlichtung nicht auf eine ertragsabhängige Einmalzahlung einlassen will."Das werden wir ums Verrecken nicht mitmachen", sagte Peters der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".Der Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen, Harald Schartau, bezifferte die Chancen einer Einigung ohne Arbeitskampf auf "50 zu 50".

"In diesem Tarifkonflikt ist schon vieles schief gelaufen, so daß die Schlichtung durchaus die Möglichkeit bieten kann, daß sie scheitern kann", sagte Schartau in der ARD.In diesem Fall werde die Urabstimmung in Baden-Württemberg eingeleitet.Doch auch jeder andere Bezirk müsse sich vorbereiten."Wenn es zu einem Arbeitskampf kommt, wird es eine bundesweite Auseinandersetzung werden.Da geht es nicht nur um Streik, da geht es auch um Aussperrung", erklärte Schartau.

Der Druck auf die Arbeitgeber und die IG Metall ist gewaltig.Schließlich geht es um die Lohntüten von 3,5 Millionen Arbeitnehmern, um die wirtschaftliche Zukunft von über 20 000 Unternehmen und auch um die Glaubwürdigkeit der beteiligten Organisationen.Bei einer Lohn- und Gehaltssumme in der Metallindustrie in Höhe von 230 Mrd.DM entspricht ein Lohnprozent immerhin 2,3 Mrd.DM.Mit welchen neuen Vorschlägen beide Seiten heute aufwarten werden, wird geheim gehalten.Für Fachleute ist jedoch klar: Damit beide Seiten ihr Gesicht wahren können, müssen die Gewerkschafter den Abschluß auf eine Vier vor dem Komma hoch- und die Arbeitgeber auf eine Drei vor dem Komma herunterrechnen können.Die IG Metall muß nicht nur vor Mitgliedern ihr Gesicht wahren, sondern auch vermeiden, daß die Betriebsräte nach einem zu niedrigen Abschluß nicht eine zweite betriebliche Lohnrunde starten.Das gab es Ende der 60er Jahre bei den Autobauern im Südwesten: Mit sogenannten wilden Streiks besserten sie einen aus ihrer Sicht zu geringen Abschluß auf.Gerade in der baden-württembergischen Autoindustrie sind die Begehrlichkeiten nach den Diskussionen um Millionen-Gehälter der Topmanager groß.

Die Arbeitgeber wiederum müssen auf Rückhalt im eigenen Lager achten und einer Spaltung des Verbandes vorbeugen: 1990 etwa handelte sich der baden-württembergische Arbeitgeberchef Dieter Hundt herbe Kritik ein, als die 35-Stunden-Woche eingeführt wurde.

Spielräume neben dem reinen Lohnvolumen gibt es vor allem bei der Laufzeit des Tarifvertrages, einer Pauschale für Januar und Februar sowie bei Veränderungen bei den betrieblichen Sonderzahlungen.Beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld ist nach Expertenmeinung etwa denkbar, daß der Zeitpunkt der Auszahlung bei Liquiditätsengpässen dem Betrieb überlassen wird.

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