Wirtschaft : Meuterei auf dem Luxusdampfer

Nur Superreiche können sich eine Suite auf „The World“ leisten – Nun fühlen sich die Eigentümer von simplen Touristen bedrängt

Evan Perez

Als der Londoner Bauunternehmer Peter Beckwith 1997 für zwei Millionen Dollar ein Appartement auf dem zehnten Deck des Luxusliners „The World“ kaufte, war er sicher, ein Investment in die große weite Welt gemacht zu haben. Zunächst war es auch so: Ganzkörperpackungen und Hydrotherapien, Kajakfahren und Segeln vom Jachthafen aus, Sprays mit kühlem Evian-Wasser am Pool – 300 Angestellte auf dem Riesenschiff lasen ihm jeden Wunsch von den Augen ab.

Doch schon bald nach dem Stapellauf im März 2002 stieß Beckwith – und mit ihm die anderen Appartementbesitzer auf dem Luxusschiff – auf etwas, womit sie nicht gerechnet hatten: einfache Touristen. Die hatte die Reederei ResidenSea an Bord geholt, um die leer stehenden Appartements aufzufüllen.

Die regulären Bewohner sind aufgebracht. Sie haben ihre Appartements gekauft, um die Welt im eigenen Zuhause bequem bereisen zu können. Außerdem zahlen sie jährlich laufende Kosten von mehr als 100000 Dollar plus monatlich Tausende Dollar für zusätzliche Annehmlichkeiten. Deshalb finden sie es zumindest unangemessen, dass die Touristen – inklusive Mahlzeiten, Kaviar und Champagner – gerade einmal 300 Dollar am Tag hinlegen müssen.

Es dauerte nicht lange, und unter den Appartementbesitzern kursierten Geschichten über das üble Benehmen der Touristen. Beckwith erinnert sich schaudernd an ein Ehepaar, das eines Morgens in San Francisco an Bord ging und bei Einbruch der Nacht so betrunken war, dass der Ehemann die Treppe herunterfiel. Appartementbesitzerin Athena Demartini, ein australisches Medium, das unter dem Namen Starwoman agiert, sagt, einmal, auf den Britischen Inseln, habe ein Touristenpaar nach reichlich Alkohol nachts so laut gestritten, dass die Apartmentbesitzer Angst gehabt hätten, es würde aufeinander losgehen. Der Ehemann wurde eines Morgens bewusstlos in einer der Bars gefunden, ohne Schuhe und mit offenem Hemd.

Besonders lästig seien die Tagestouristen und die Reisebüroinhaber, die ResidenSea auf das Schiff einlädt. „An manchen Häfen gingen vierhundert Menschen an Bord“, sagt John Demartini, Athenas Ehemann und Autor zahlreicher Selbstheilungsbücher („Genieße, was dir ist beschieden“). Demartini fühlte sich enteignet: „Man saß da und sie trampelten einem durch das Haus“, sagt er.

Schließlich meuterten die Bewohner und zahlten in der Hoffnung, auch die restlichen Appartements verkaufen zu können, im vergangenen November insgesamt 71 Millionen Dollar, um die europäischen Banker auszubezahlen, die das Schiff finanziert hatten. „Wir können nicht gleichzeitig ein Kreuzfahrtschiff und ein Appartementschiff sein“, sagt Robert Sabes, der mit seiner Frau Janet, dem Tennis-Ass, an Bord eine 125 Quadratmeter große Wohnung mit drei Schlafzimmern bewohnt. „Leider haben die ursprünglichen Investoren geglaubt, die beiden Modelle könnten nebeneinander existieren.“

Das Projekt war von Beginn an manchem Sturm ausgesetzt. Der 280 Millionen Dollar teure Luxusdampfer, ein finanzieller Schiffbruch für seine ursprünglichen Investoren, nahm weiteren Projekten dieser Art gleich den Wind aus den Segeln. Die Idee für das Schiff hatte Mitte der neunziger Jahre der norwegische Schiffserbe Knut Kloster Jr.. Aber schon bald zwangen finanzielle Probleme Kloster und seine norwegischen Mitinvestoren, die Pläne zu halbieren. So entstand ein 43000 Tonnen schweres Schiff mit zwölf Decks. Kurz vor Fertigstellung hemmten die stockende Weltwirtschaft und die Angst vor Terroranschlägen die Appartementverkäufe. Schließlich übernahmen die WestLB und die Zürich Financial Services Group die Kontrolle über ResidenSea.

Ein Weg, die Verluste zu minimieren, war, das Schiff für Touristen zu öffnen. Für William Scott, einen pensionierten Werbefachmann aus New York, war das, als sei ein Rolls Royce in ein Taxi verwandelt worden. „Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie Millionen für ein Appartement ausgegeben hätten und Leute, die ein paar hundert Dollar hingeblättert haben, hätten Zugang zu den gleichen Einrichtungen wie Sie?“, fragt er. Fredy Dellis, früherer leitender Angestellter bei ResidenSea, räumt ein, dass Fehler gemacht worden seien. „Es gab betrunkene Touristen“, gibt er zu, „aber das ist nicht jeden Tag so“.

Jetzt hat der Verkauf der leeren Appartements durch die neue Gesellschaft begonnen. Doch bei jährlichen Unterhaltungskosten in Höhe von 30 Millionen Dollar ist „The World“ nach wie vor auf einige Touristen angewiesen. Um die Probleme der Vergangenheit zu vermeiden, sollen die Preise für Kreuzfahrten auf bis zu 3100 Dollar pro Tag angehoben werden. Bauunternehmer Beckwith, der bekannt dafür ist, dass er in roten Samthausschuhen über Deck spaziert, gehört zu einer Gruppe, die eine andere Lösung vorzieht: Die All-you-can-drink-and-eat-Angebote abzuschaffen.

Übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Nivea), Svenja Weidenfeld (Luxusliner), Matthias Petermann (IG Metall), Christian Frobenius (Polen), Karen Wientgen (Disney).

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